Chronologie

Chronologische Zusammenstellung der Ereignisse durch die Jahrhunderte

 

(Zusammenfassung aus vielen verschiedenen Quellen)

 

Der Siedlungsplatz, der später den Dorfnamen Petkum bekam, ist wahrscheinlich früh besiedelt worden. Er hatte eine günstige Lage. Eine Abflußrinne, die die Niederungen von Riepe bis südlich Aurichs und die Flachmeere im Hammrich entwässerte und hier in die Ems einmündete, wurde an dieser Stelle von einem alten Handelsweg, dem Emsuferweg , gequert. Der Boden bestand aus bester Flußmarsch, aus Klei. Es war also ein günstiger Platz sowohl für Bauern als auch für Fischer, Schiffer und Händler.

Überlegungen über das Alter von Siedlungen an der Ems müssen berücksichtigen, daß zur Zeit der Entstehung dieser Siedlungen es den Dollart noch nicht gab, der Mündungsschlauch der Ems enger war, beim späteren Emden die Ems in einer nach Norden hin U-förmigen Schleife floß, in der Nesserland als Nordspitze des Rheiderlandes fast wie eine Barriere im Flußbett lag und, je nach Sicht, die Landsenkung oder der Meeresspiegelanstieg noch nicht das Maß von heute erreicht hatte.

Ausgrabungen bei Jemgum haben ergeben, daß im 6. Jahrh. v. Chr. Geb. und noch einmal kurz vor Chr. Geb. die Anlage von Siedlungen an Emsprielen auf der damaligen natürlichen Landoberfläche möglich war, ohne daß die Bewohner durch die Flut gefährdet waren. Heute liegen diese Siedlungen rund 2 m unter dem mittleren Hochwasser. Sicherlich werden solche Siedlungen wie bei Jemgum damals auch an anderen günstigen Stellen entstanden sein. Da sie aber unter einer dicken Kleischicht (oder unter einer Dorfwarf) liegen, können sie lediglich durch Zufall gefunden werden. So mag manches an einem nach früheren Maßstäben günstigen Siedlungsplatz gelegene Dorf viel älter sein, als es die Urkunden ausweisen.

Petkum ist ein Warfendorf. Noch heute sind 3 Warfen im Dorfbild zu erkennen: 1.) Die Dorfwarf, über die die Hohe Str. führt. 2.) Die Kirchwarf und 3.) Vierhausen. Auf einer 4., beim Abbruch eingeebneten Warf mag die Burg gelegen haben, deren Burghof hinter Graben und Mauer sicherlich höher aufgeschüttet war als das Umland. (Wasserburg)
 

4 alte Postkarten aus der Zeit vor 1908. Denn auf allen trägt der Chor der Kirche noch den 1908 abgebrannten Dachreiter.

Geschäftshaus Wallenstein, später Achtermann. Auf dem Straßenbild mit Blick von Süden auf die Kirche links das Geschäftshaus, rechts der Sanders-Hof.

Links oben der abgebrochene Hülsebus-Hof. Daneben der Alterssitz des Bauernreeders Hülsebus, in dem später der Postbote Kettwig wohnte. Rechts oben Blick von Fischers Hörn auf die Kirche, links der Blick von Süden auf die alte Straßenbrücke mit dem Weerda-Hof und der Gaststätte Slis.

Blick vom Mühlenland auf Dammeyers Park und Hof, links vorne der Aufgang zum Lank Treej. Rechts die Kirche von Süden. Auf der Straße ein Kreitwagen zum Einfahren von Heu und Getreide.

Die Gastwirtschaft am Siel. Gastwirt Donker war der Vater vom Schmiedemeister Donker. Späterer Inhaber Niklaas Hildebrands. Rechts der alte Siel von außen. Links unten Gastwirtschaft Slis mit der alten Straßenklappbrücke.

Die Warfen sind im ersten Jahrtausend nach Chr. Geb. entstanden. Sie mußten immer wieder erhöht werden. Oft geschah das mit Mist, der damals als Dünger noch nicht gebraucht wurde, weil die regelmäßigen Überflutungen mit Schlickwasser das Land düngten. Wie eine Zwiebel Schale um Schale birgt, so bergen sie Schicht um Schicht in sich, in denen für den Ausgräber wertvolle Funde aus dem Alltagsleben konserviert worden sind.

Um das Jahr 1000 n. Chr. Geb. begann der Deichbau. Erst entstanden um einzelne Landflächen Ringdeiche (wie später im Hammrich). Um 1200 hat es dann wohl eine geschlossene Deichlinie gegeben, die als Gemeinschaftsleistung entstanden war. Nach heutigen Maßstäben waren die Deiche natürlich sehr niedrig. In sie, die gegen das Außenwasser schützen sollten, mußten zur Ableitung des Binnenwassers von Anfang an Abflußsiele eingebaut werden, die zuerst wahrscheinlich aus ausgehöhlten Baumstämmen bestanden haben, deren Außenöffnung bei auflaufendem Wasser durch eine Klappe verschlossen wurde. Man brauchte also noch keinen „Sielwärter“.

Ostfriesland wurde im 8./9. Jahrhundert christianisiert. Die Kirche erwarb von Anfang an durch Schenkung, Erbschaft und Kauf Grundbesitz. Da die Christen damals und auch im späteren Mittelalter  sehr um ihr Seelenheil besorgt waren, vererbten sie oft Teile ihres Besitzes an die Kirche und hofften, dafür im Himmel belohnt zu werden. Die Kirche gewann dadurch irdischen Besitz. Der Friesenmissionar Liudger gründete das Kloster Werden an der Ruhr. In dem Verzeichnis der Klostereinkünfte, der Urbare (Besitz- und Abgabeverzeichnisse einer Grundherrschaft) aus dem 9./10.  Jahrh. werden auch Einkünfte aus Pettinghem/Padinghem aufgeführt. Dem Kloster flossen Einnahmen aus 9 Höfen zu. Aus diesem Heberegister erfahren wir auch die ersten Namen von Petkumer Einwohnern. Die abgabepflichtigen Petkumer hießen Gedulf, Edelerd, Blekulf, Frethirik, Wilrek, Hiddo, Iko, Rippold und Ernust. (Nach Hafermann) Dies ist die erste urkundliche Erwähnung Petkums. Für die folgenden Jahrhunderte finden sich viele verschiedene Schreibungen des Dorfnamens in den 3 Bänden von Friedlaenders Urkundenbuch.

Zum Dorfnamen. Petkum wird in die Reihe der –hemDörfer eingeordnet. hem = Heim, Wohnstätte. Also Petkum = Heim der Leute des „Pette“, in anderen friesischen Ortsnamen „Bette“. Eine andere Erklärung will Petkum auf Pettum, Pettehem, Bedechem zurückführen, was Bethaus bedeutet haben soll. –hem-Dörfer gibt es eine Reihe, und so scheint mir die erste Erklärung sinnvoller zu sein, weil die „hem-Erklärung“ sich auch auf diese anderen Dörfer anwenden läßt.

Zur Häuptlingszeit: In einer Urkunde von 1359 taucht zuerst die Bezeichnung „Häuptling“ auf. Niederdeutsch: hovetling, lateinische Form capitalis, später auch capitaneus (von lat. caput = Haupt) Die Bezeichnung wird angewandt auf die Herrscher in einem Ort, ja eines Ortsteils. Es konnte also in einem Ort mehrere Häuptlinge geben. Grundlage der Häuptlingsposition war Reichtum. Darauf beruhte kriegerische Macht, die es zusammen mit dem Reichtum möglich machte, die Burgen und Steinhäuser zu bauen.

Die Häuptlingsfamilien im Lande waren oft durch Heiraten miteinander verwandt, so wie später die Bauernfamilien in den benachbarten Dörfern. Auseinandersetzungen um Erbteile usw. wurden nicht durch Gerichte entschieden, sondern in der Regel in gewalttätigen Auseinandersetzungen, bei denen oft die Ansprüche und die sich daraus ergebenden Freund-Feind-Verhältnisse sehr verwickelt waren und auch wechselten.

Die Namen der sich befehdenden Häuptlinge sind überliefert worden. Die Namen ihrer Untergebenen und der angeworbenen Knechte, die bei diesen sich sehr oft an Besitz- und Erbansprüchen entzündenden Auseinandersetzungen ihr Leben einsetzen mußten und es mitunter auch verloren, also damals, wie zu allen Zeiten, immer wieder einmal „die Zeche zahlen mußten“, sind in der Regel in keinem Dokument aufbewahrt.

      • Jede Seite ein Sieg.
        Wer kochte den Siegesschmaus?
        Alle 10 Jahre ein großer Mann.
        Wer bezahlte die Spesen?
        So viele Berichte.
        So viele Fragen. (Brecht)

  • Die Zusammenfassung öffentlicher Herrschaftsrechte geschah in dem Begriff der „Herrlichkeit“. Wesentlich waren die mit ihr verbundenen Rechte, das Zollrecht, Strandrecht und Jagdrecht. Besonders bedeutend war die dreifache Gerichtsbarkeit: Halsgericht, Zivilrecht und Kirchenrecht. Petkum gehörte zu den Herrlichkeiten.

    In der Häuptlingszeit und später regierten in Petkum von der Burg aus Angehörige der Familien Abdena, Kankena, Ripperda und van Torck zu Rosendael in der Provinz Overyssel bei Arnheim in Holland. Darüber steht mehr in dem Kapitel über die Häuptlinge. Hier sollen nur einige herausragende Gestalten genannt werden.

    Gerd von Petkum, gest. 1478, Ehefrau Ocka (Occa) Kankena, gest. 1497. Bei den Auseinandersetzungen zwischen den bedeutendsten Häuptlingsfamilien um die Vorherrschaft im Lande und bei der Bekämpfung der Seeräuberei durch die Hamburger Truppen wurde zur Zeit des Petkumer Häuptlings Tammo Evinga nach 1435 die Petkumer Burg zerstört. Gerd ließ sie um 1465 wieder aufbauen. Vorher war er zeitweilig aus Petkum verdrängt worden. Er söhnte sich aber mit der Cirksena-Familie wieder aus und bekam im Streit mit Wiard von Uphusen durch einen Schiedsspruch zu seinen Gunsten 1461 wiederum die Herrschaft in Petkum übertragen. Für dieses Jahr wird wohl in Widdelswehr, aber nicht in Petkum eine Burg erwähnt. An Wiard von Uphusen mußte Gerd nach dem Schiedsspruch eine jährliche Abgabe von einigen Kühen entrichten. Von den linksemsischen Besitzungen blieben ihm das Patronatsrecht über die Kirchen in Ditzum und Pogum, das Recht, die Emsfähre zu betreiben, das Mühlenrecht und das Jagdrecht im Niederrheiderland. Gerd ließ um 1470 den spätgotischen Chor vor die alte Einraumkirche bauen. Aus dieser Zeit stammt auch das Sandsteinrelief, von dem in Notizen des 19. Jahrhunderts angenommen wird, es könnte vor Benutzung der Kirche durch Truppen der Engländer am Ende des 18. Jahrhunderts und der dabei geschehenen teilweisen Zerstörung der Innenausstattung das Altarbild der Kirche gewesen sein. In den beiden unten knieenden Stifterfiguren sind sicherlich Gerd und Occa dargestellt.

    Gerds Testament ist in einer Abschrift von 1489 erhalten. Nach dem Willen der Eheleute (Testament von Occa) soll in Petkum sogar ein Kloster gebaut werden. Das wird aber nach ihrem Tode  durch ihre Verwandtschaft und den Landesherrn unter Einschaltung des Papstes Alexander VI. (dessen Verfügung vom 26. 4. 1502 im Vatikanischen Archiv in Rom aufbewahrt wird) verhindert. Als Ersatz wird für die Erben die Stiftung von drei Praebenden (kirchlichen Pfründen) angeordnet, mutmaßlich für die 1. und 2. Pfarrstelle und für die Küsterei.

    Die Grabsteine beider Eheleute befinden sich noch in der Petkumer Kirche. Gerd ist in voller Rüstung dargestellt. Bei ihm fehlt auf der Grabplatte das metallene Schriftband. Aber dessen Text ist überliefert.

    Bolo IV. Ripperda 1632 – 1680. Bolos Vater war Hofrichter. Bolo ist Bevollmächtigter der Ostfriesischen Landstände und der Fürstin am kaiserlichen Hof in Wien. Er soll beim Kaiser die gänzliche Befreiung  Ostfrieslands von allen Einquartierungen und anderen Kriegslasten während des damaligen Reichskrieges gegen eine gewisse Entschädigung durchsetzen. In Wien findet er eine günstige Aufnahme. 1676 wird er in den Freiherrenstand erhoben und ihm die Anrede „Wohlgeboren“ zugestanden. Den Ostfriesischen Landständen hat er das Upstalsboom-Wappen verschafft. Er ist nicht verheiratet gewesen.

    Auf ihn folgt seine Schwester Maria Ripperda (1626 – 1691). Von ihr sind kraftvolle Unterschriften im Petkumer Kirchenbuch und in Akten erhalten. Auch sie bleibt ohne Nachkommen. Die Metallsärge der Geschwister stehen in einem Gewölbe unter dem Chor. Das Wappenschild der Maria Ripperda, das vor den Renovierungen der Kirche an der Wand über dem Patronatsboden hing, liegt seitdem zerbrochen hinter dem Altar auf dem Fußboden. – Inzwischen ist es restauriert und wieder aufgehängt worden.

    Schon im 13. Jahrhundert ist der älteste Teil der Steinkirche als Rechteck-Einraumkirche gebaut worden. Bislang ist bei Aufgrabungen in der Kirche, z. B. bei der unterirdischen Verlegung der Heizungsrohre, nicht darauf geachtet worden, ob sich Spuren einer hölzernen Vorgängerkirche im Boden nachweisen lassen. Im älteren Schrifttum wird vermutet, daß wie auch in anderen alten Warfendörfern eine solche Holzkirche auf der Kirchwarf gestanden hat. Der Petkumer Taufstein wird in die Zeit um 1250/60 datiert. Er hat also schon in dieser ersten Steinkirche gestanden. Auch die älteste Glocke stammt aus dem 13. Jahrhundert und wird noch heute geläutet. (Den Petkumern des 20. Jahrhunderts wird der Versuch empfohlen, sich einmal vorzustellen, aus welchen freudigen, traurigen und gefährlichen Anlässen diese Glocke im Verlaufe der Jahrhunderte wohl geläutet worden sein mag). Ein trapezförmiger Sargdeckel im Chor weist ebenfalls auf eine Vorgängerkirche hin.

    Die Kirche war dem heiligen Antonius geweiht und gehörte zum Dekanat Emden des Bistums Münster. Politisch-geographisch gehörte der Ort damals zum Emsigerland.

    1368 fährt der Traveschiffer Dure mit seinem Schiff von Lübeck nach Oldesloe. Emder Kaufleute haben ihre Fracht auf diesem Schiff verladen. Außerdem der Kaufmann Gelde von Petkum (Pekem) Packen (Tuch ?) im Wert von 25 Mark, Zoll 16 1/2 Pfennig. Dabei müssen wir beachten, daß diese Geldnennungen völlig andere Werte bezeichnen als heute.

    1408: Die Einwohner Petkums besitzen das Patronatsrecht über die Kirche. Das schließt Privilegien ein, z. B. Einfluß auf die Besetzung der Pfarrstelle. Dieses Patronatsrecht übertragen sie mit Zustimmung des Probstes Hisko (Hysko) von Emden am 9. 2. 1408 an das Johanniterkloster Muhde, das an der Leda liegt und 1361 gestiftet worden ist, als Erdbeben und Überschwemmungen die Menschen verwirrten.

    1412 befiehlt der Ordensmeister des Johanniterordens, die Rechte und Privilegien des Ordens in Petkum von der Kanzel zu verkünden. Sie sollen wohl fest im Bewußtsein der Petkumer verankert werden.

    1415 ist Herr Onno Kurat in Petkum.

    1423 läßt sich das Kloster Muhde seine Rechte in Petkum noch einmal ausdrücklich vom Papst bestätigen. Sie müssen offensichtlich dem Orden sehr wichtig gewesen sein.

    1444: In einem Kaufvertrag ist uns der Name eines Petkumer Einwohners überliefert worden, bei dem sich der Brauch nachweisen läßt, den Namen durch einen Hinweis auf körperliche Eigenarten zu erweitern:
    grote Syrck, bureman to Peetsum. (Der Großvater des Chronisten bekam im 19. Jahrhundert den Dorfnamen: lang Riek)

    1461 wird Enno von Petkum als berühmter Landrichter genannt.

    1465 gewinnt das Kloster Muhde durch Erbschaft bedeutenden Grundbesitz zwischen Petkum und Gandersum und gründet dort das Vorwerk „Petkumer Mönken“. Es läßt eine Kapelle bauen und einen Friedhof anlegen. Den Besitz verwaltet ein Hofmeister. Später wird der landwirtschaftliche Betrieb verpachtet. Nur ein Geistlicher übt noch die kirchlichen Funktionen in einer Kapelle aus. Als am Anfang des 16. Jahrhunderts um 1528 das Kloster säkularisiert wird, beanspruchen die ostfriesischen Grafen das Land. Später geht das Vorwerk in das Eigentum der Petkumer Häuptlinge über. Mit ihm erwerben sie auch das Patronatsrecht über die Petkumer Kirche, das später auf ihre Rechtsnachfolger übertragen wird.

    Nach 1450:  In Widdelswehr wird von Petkum aus eine Kapelle gebaut, die der heiligen Katharina geweiht ist. Bereits in den Jahren 1367 und 1488 urkundet der Pfarrer von Petkum für Widdelswehr, 1461 wird für dort eine Burg erwähnt.

    Um 1473 betragen die Abgaben der Petkumer Kirche an das Bistum Münster jährlich 6 Schillinge.

    1490 wird Gerd Schele aus Muhde als Priester in Petkumermoncken genannt.

    1497: Nach dem Tode Occas, der Frau des Gerd von Petkum, geht die Herrschaft in der Herrlichkeit Petkum von den Abdenas auf die Kankena-Familie über.

    Um 1500: „Udo von Coldeborg bittet den Hicko von Dornum, Junker zu Petkum, die nach dem Tode des Pastors vakante Pfarre in Ditzum mit dem in Critzum geborenen Pastor Albert von Jemgum wieder zu besetzen, der ein wohlgelehrter Mann ist, den Gottesdienst mit Predigen und Singen wohl versehen kann und „ (Besondere Empfehlung!) “ weder ein Trinker noch ein Hurenjäger ist.“

    1514: In der „Sächsischen Fehde“ plündern und brandschatzen Braunschweiger Truppen in Ostfriesland. Auch Petkum gehört zu den Dörfern, die sie heimsuchen.

    1515: Edzard I. läßt das Ostfriesische Landrecht aufzeichnen. Nach den Bauernrechten gehört es auch in Petkum zu den Aufgaben der von den Interessenten gewählten Schüttmeister oder Poelrichter, die Wege zu schauen.

    1526: Schon früh sind in Petkum zwei Priester bezeugt. Für das Jahr 1367 werden die beiden Geistlichen Folcmarus und Embo erwähnt. 1526 nimmt Wybo (Wibo) von Petkum am Religionsgespräch zwischen Katholiken und Protestanten in Oldersum teil. Er ist Concurat in P., der erste Prediger heißt Hero. In der Folgezeit wird das Dorf lutherisch, während die umliegenden Dörfer reformiert werden.

    1533 / 1568: Die aus den beiden Schlachten bei Jemgum entkommenen Soldaten nehmen den Fluchtweg nach Emden über Petkum. Unter ihnen ist 1568 auch der Graf Ludwig von Nassau, dessen Rüstung noch in der Emder Rüstkammer zu sehen ist. Nach einem Bericht von Insa Ramm sollen ihn drei junge Leute, darunter Allegont Ripperda, eine Tochter von Maurits Ripperda u. Maria von Wilich, aus dem Wasser gezogen haben.

    In Petkumer Münte wird nach 1850 bei Erdabgrabungen ein Friedhof mit mehreren Gräbern aufgedeckt, in denen die Gerippe von mehreren übereinander aufgeschichteten Körpern liegen. Es wird vermutet, daß in diesen „Massengräbern“ Soldaten beerdigt liegen, die nach den Schlachten bei Jemgum auf der Flucht in der Ems ertrunken und dann durch den Gezeitenstrom bei Petkumer Münte am Emsufer angetrieben sind.
    Um einen normalen Friedhof kann es sich nicht gehandelt haben, weil die Gebeine übereinandergeschichtet in der Erde gefunden werden.

    1534: In der Fehde zwischen Graf Enno II. von Ostfriesland und dem Junker Balthasar von Esens und dessen Verbündeten Herzog Karl von Geldern 1530/34 ziehen am 1. Januar 1534 geldrische Truppen vor die Burg von Petkum, belagern sie und fordern sie zur Übergabe auf. Die Burg ist durch die Kankena gut auf die vorausgesehene Belagerung vorbereitet worden. Ihre Besatzung ist verstärkt und gut bewaffnet, so daß sie gegen einen plötzlichen und übereilten Angriff gewappnet ist. Die Angreifer versuchen eine Erstürmung. Aber da ihnen schweres Geschütz fehlt, mißlingt die Eroberung. Sie geben die Belagerung auf, ohne ihr Ziel erreicht zu haben, und ziehen sich über Oldersum und Ihlow brandschatzend an das zur Verteidigung bereite Aurich vorbei nach Esens zurück.

    1542: Deichordnung des Grafen Johann. Die Deiche sind neu vermessen worden. Deichpflicht: „Als nämlich in der Krummen Hörn auf ein Gras Landes 2 Fuß Deiches, desgleichen soll auch jedermann auf der Ostseiten von der Stadt Emden nach Borßum, Petkum und Oldersum 2 Fuß Deiches auf ein Gras Land machen.“

    1554: Von diesem Jahr an herrscht das Geschlecht der Ripperda in Petkum.

    1554: Im Herbst des Jahres weht ständig ein heftiger Südostwind, der das Wasser aus der Ems treibt. Mehrere Männer durchqueren in Stiefeln das Flußbett zwischen Ditzum und Petkum. Vielleicht lag damals schon zwischen Ditzum und Petkum jene große Plate im Fluß, die auf späteren Karten eingetragen ist und ihn in zwei Arme teilte, die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts an den beiden Dörfern vorbeiflossen und beide  für Seeschiffe befahrbar waren.

    Um 1559: Die Oldersumer Häuptlinge besitzen als Streubesitz in Petkumer Mönken zwei Herde. Das sind sicherlich jene beiden Höfe, die noch heute politisch zu Petkum, kirchlich zu Gandersum gehören und deren Bewohner dort auch auf dem Friedhof ihre Toten begraben lassen.

    1569: Über die Wegeverhältnisse: Der Junker Frederik Coenders van Helpen ist 1569 zu Pferde in Ostfriesland unterwegs. Für die Strecke Neermoor – Terborg  - Rorichum, Oldersum – Petkum (14 km) benötigt er als Reiter eine Stunde. Für die Strecke Petkum – Jarßum (2 km) ebenfalls eine Stunde. (Die Ursache für die unterschiedlichen Reitgeschwindigkeiten wird nicht genannt.) Am 2. Febr. 1573, also im Winter: Terborg – Oldersum – Petkum 1/2 Stunde, Petkum – Borßum ebenfalls 1/2 Stunde.

    1574/76: Bei der Grundsteinlegung für den Neubau des Emder Rathauses am 10. 6. 1574 ist der Emder Ratsherr Marten van Petkum anwesend. Er nagelt auch am 4. 4. 1576 die erste Schieferplatte auf das Dach. Von ihm als Stifter ist noch heute im Ostfriesischen Landesmuseum in Emden ein buntes Glasfenster aus dem zerstörten alten Rathaus zu sehen.

    1595: Die von Reformierten beherrschte Bürgerschaft in Emden läßt dort die lutherische Kirche schließen. Den Lutheranern wird eine freie Religionsausübung nicht mehr gestattet. Wenn sie an einem lutherischen Gottesdienst teilnehmen wollen, müssen sie den Weg nach Petkum auf sich nehmen. Wahrscheinlich führt er bei schlechten Wegverhältnissen auf dem Deich entlang (gepflasterter „Karkpatt“). Erst nach 1748 erreichen die Lutheraner durch einen Erlaß Friedrich II. von Preußen wieder freie Religionsausübung. Im Petkumer Kirchenbuch bekunden viele Eintragungen aus jeder Verbotszeit, daß die Emder Lutheraner kirchliche Handlungen in Petkum vornehmen lassen.

    1596/1604: In Hamburg wird der Gedanke, ein Waisenhaus einzurichten, u. a. von Simon von Petkum realisiert. Er wird als ein eingewanderter Niederländer bezeichnet. Das Haus wird 1604 eröffnet und nimmt zahlreiche Kinder auf, die durch die vorhergehende Pest elternlos geworden waren. 1600 wird Simon von Petkum schon zusammen mit anderen Bürgern zum Vorsteher gewählt. Noch heute gibt es in Hamburg im Stadtteil Uhlenhorst eine nach ihm benannte Petkum-Straße. (Wahrscheinlich war von Hamburg aus kaum auszumachen, ob ein Ort am Ufer der Ems oder im Osten der Niederlande lag. Auf alle Fälle ist anzunehmen, daß die Familie von Simon eine Beziehung zu Petkum gehabt hat.)

    1606: In den Kirchen gab es immer Abweichungen von der orthodoxen Lehrmeinung. 1606 berufen die Ripperdas den Pastor Conrad Potinius von Straßburg auf die 1. Pfarrstelle in Ditzum, das kirchlich zu Petkum gehörte. 1611 wird er Prediger in Resterhafe. Er verkündigt später, nicht die reine Lehre (die noch in kirchlichen Diskussionen des 20. Jahrhunderts in Petkum eine Rolle spielte, was auch immer damit gemeint war), sondern die „Nachfolge Christi“ (schon im 15. Jahrhundert der Titel eines Buches des Mystikers Thomas von Kempten, Thomas Hamerken) sei der rechte Weg zur Seligkeit.

    1619: Ein erhaltener Wahlzettel vom 4. 1. 1619 zur Wahl eines Pastors in Pogum, das kirchlich zur Herrlichkeit Petkum gehörte, zeigt: Es war in dieser Herrlichkeit mit den Kirchengemeinden Petkum (2 Pfarrer), Ditzum (2 Pfarrer) und Pogum (1 Pfarrer) üblich, daß für die Besetzung der Pfarrstellen die Gemeinden das Wahlrecht, die Besitzer der Herrlichkeit das Bestätigungsrecht ausübten.

    1626 Orgel in der Kirche: 1626 ist Johann Kirchhoff Organist. Von 1692 – 1706 übt Johann Weyerts „van Arrel ut Behrumerland“ (Arle) das Amt aus. Er heiratet am 20. 11. 1692 Schwantie Harmens aus Petkum. Während seiner Zeit baut Valentin Ulrich Grotian aus Aurich eine neue Orgel ein. (Eine Zusammenstellung von Prof. H. Vogel datiert den Orgelbau 1694 99.) Im Petkumer Kirchenbuch heiraten 1694 Valentin Ulrich Grotian, Orgelmacher, und Anna Margarethe Bungarts in Petkum. 1699 wird der Orgelboden durch Pfeiler abgestützt. Die Orgel wird 1837 überholt. Die Überholung wird aus einer Stiftung des Hamburger Chirurgen Chr. Funk finanziert, der als Nachkomme des Amtmannes Funk noch Bindungen an Petkum hat. 1860 wird die Orgel durch den Orgelbauer Janssen erneut repariert. Nach 1900 befindet sich die Orgel nach dem Urteil des Organisten Otto Harms wieder in einem schlechten Zustand. Beim Löschen des Dachreiterbrandes von 1908 werden durch das herabstürzende Löschwasser weitere Schäden angerichtet. 1911  wird nach einer Geldsammlung in der Gemeinde die Orgel gründlich überholt. Im ersten Weltkrieg müssen die Prospektpfeifen wegen ihres Metallwertes abgeliefert werden. Der dafür eingenommene Betrag geht durch die Inflation verloren, wie auch der Versicherungsbetrag für den abgebrannten Dachreiter. Die Orgel sieht in ihrem Äußeren jahrelang „wie eine Ruine“ aus. 1926 findet ein Weihnachtskonzert in der Kirche zugunsten der Orgel statt. 1928 werden die Prospektpfeifen wieder eingebaut. Bei den Renovierungen der Kirche nach dem zweiten Weltkrieg bekommt die Orgel einen neuen Platz an der Stelle des alten „Knechtenböhntjes“ am Westende des Kirchenschiffes. Der Blasebalg, der früher vom Bälgetreter bedient wurde (der Chronist hat diese Arbeit früher gelegentlich ausgeübt), wird nun durch einen Elektromotor bewegt. Das traditionsreiche Kirchenamt des Bälgetreters ist dadurch überflüssig geworden.

    1629: Der luth. Generalsuperintendent D. Michael Walther visitiert alle lutherischen Gemeinden in Ostfriesland. Die Pastoren der Gemeinden in der Herrlichkeit Petkum läßt er aus, weil sie nicht der geistlichen Oberaufsicht des ostfriesischen Grafen unterstehen. Das Gebiet der Herrlichkeit Petkum umfaßt die Kirchengemeinden Petkum und Ditzum mit je zwei Pfarrstellen und die Gemeinde Pogum mit einer Pfarrstelle. Während eines längeren Zeitraumes bilden diese Gemeinden eine unabhängige kleine kirchliche Gemeinschaft, eine kleine selbständige lutherische Herrlichkeitsenklave in der lutherischen Landeskirche. Die Herren von Petkum haben die geistliche Kirchenhoheit inne. Der jeweilige Oberprediger von Petkum übt sie aus. Er ist z. B. berechtigt, theologische Examen abzunehmen und Prediger in ihr Amt einzuführen. Nach Streitigkeiten über Pfarrstellenbesetzungen in Ditzum und Pogum wird später die Aufsicht der Petkumer Herrschaft zugunsten der ostfriesischen Grafen zurückgedrängt. Ditzum wird reformiert, Petkum und Pogum bleiben lutherisch und bieten so den Lutheranern aus der Umgebung die Möglichkeit, einen lutherischen Gottesdienst zu besuchen. Der Dollarteinbruch bringt große wirtschaftliche Belastungen für Pogum und Ditzum. Die 2. Pfarrstelle in Ditzum wird deshalb aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben.

    1637: Magister Hermann von Petkum (1610 – 1682) ist von 1637 – 1639 Hofkaplan in Aurich, von 1639 – 1644 dort zweiter Prediger.

    1654: Der Petkumer Siel ist in sehr schlechtem Zustand und kann seine Aufgabe der Entwässerung nicht mehr erfüllen. Das Bauwerk soll erneuert und dabei verlegt werden. Aber Bürgermeister und Rat der Stadt Emden wollen den Bau eines neuen Sieles verhindern. Sie sind an einem dauernd hohen Binnenwasserstand interessiert: Emdens Festungsgräben müssen gefüllt sein, um Sicherheit zu geben. Die im Stadtgebiet als Müllschlucker benutzten Tiefs müssen regelmäßig kräftig durchgespült und von Unrat gereinigt werden, damit sie nicht verschlammen. Deswegen entspricht ein nicht funktionierender Siel in Petkum und ein dadurch verursachter hoher Binnenwasserstand durchaus den Emder Interessen. Das Bauholz für das neue Bauwerk ist kurz nach dem Ende des 30jährigen Krieges mühsam beschafft worden und liegt zur Verwendung bereit. Aber in der Nacht vom 11./12. Sept. 1654 lassen die Emder Behörden im Morgengrauen Dorf und Burg Petkum durch Soldaten überfallen und von mitgebrachten Handwerkern das zugerichtete Bauholz zersägen. Bei der Aktion geschehen Übergriffe gegen die Dorfbewohner, lange gerichtliche Auseinandersetzungen sind die Folgen.

    1659/63: Die Oberemsische Deichacht benötigt oftmals, besonders nach Sturmfluten, große Geldbeträge, um die entstandenen Schäden zu beseitigen. Im Jahre 1659 beträgt die Schuldenlast der Acht 224000 Gulden. Gelder, die zur Tilgung der Schulden gehoben worden sind, müssen immer wieder für neue notwendige Reparaturen verwendet werden, so auch 1663. In diesem Jahr muß zwischen Petkum und Petkumer Münte im Deich ein Kolk von 48 m Länge und 13 m Tiefe geschlossen werden.  Die Karte von Honart 1669/73 weist aus, daß dieser Kolk nach dem Binnenland hin umdeicht worden ist. Bei seiner Ausdehnung wäre eine Wiederherstellung der alten Deichlinie wohl technisch sehr schwierig und geldlich sehr teuer geworden.

    Zwischen 1662 und 1667: Aus diesem Zeitraum liegt eine Karte von Petkum vor, die im Rahmen eines Verfahrens zur Verlegung des Sieles gezeichnet worden ist. Auf ihr sind im Dorfbereich zwei Deichbrüche von 1662 eingezeichnet. Von ihr liegt eine Kopie von 1667 vor. Daraus ergibt sich ihre Datierung: Nicht vor 1662 und nicht nach 1667.
    Auf dem Deich ist eine Ständermühle eingezeichnet. Daneben steht binnendeichs ein Haus, bei dem es sich um das Müllerhaus handeln muß. Der alte Siel, der „weggetrieben“, also nicht mehr funktionsfähig ist und deswegen erneuert werden soll, liegt westlich des Hauses und ist zur Ems hin noch durch „zwey Flügelß von Elderen pahlen“ geschützt. Der neue geplante Siel ist westlich des Hauses am Ende einer noch zu grabenden Tiefstrecke eingetragen. Das vorhandene Tief hat schon die beiden scharfen Knicks am Hereweg, die erst 1858 begradigt worden sind. Das „Lank Treej“ und ein „Voetpatt nach Embden“, der wohl auf dem Deich verlief, sind eingezeichnet. Neben dem Dorf zum Deich hin liegen Spittdobben. Rechts und links des Weges zur Mühle hin (heute ungefähr die Fährstraße) am Deichfuß erstrecken sich zwei ausgespülte Kolke als Nachbleibsel des Deichbruchs von 1662.

    Besonders wichtig für die Dorfgeschichte ist diese Karte, weil auf ihr der ursprüngliche Verlauf des Petkumer Tiefs und die Lage des ersten Siels noch eingetragen sind. Das Tief kam aus dem Hammrich, lief in gerader Linie auf den Deich und auf den ersten Siel zu, d. h., es verlief (nach heutigen Benennungen) etwas östlich der Krugstraße (die es damals vielleicht noch nicht gab), lief zwischen den Häusern von Schlachter Ockenga und Ubben, dem Haus von Swart/Junker und Dammeyers Park entlang, bildete anschließend den östlichen Teil des Burggrabens, versorgte ihn ganz mit Wasser und mündete durch den ersten Siel in die Ems. Von diesem ersten Tiefverlauf heißt es allerdings schon auf dieser Karte „anitzo mit Häußer Besetzet“. Er war also damals schon längst Vergangenheit.

    Das Tief verlief anfangs am westlichen Fuß der großen Dorfwarf entlang. Die Oberpastorei, die dort lag, wo 1835/37 „de olle Skööle“ gebaut wurde, stieß mit ihrem Garten an das Wasser. Die Burg lag westlich des Tiefs, die Dorfwarf mit dem alten Dorfkern und die Kirchwarf lagen östlich davon.

    1669/73: Die Pflicht zum Deichunterhalt liegt auf den Grundstücken, die durch den Deich geschützt werden. Die Verteilung der Deichlasten, des Deichschoßes, ebenso der Anteile an den Deicharbeiten geschieht nach der Größe des jeweiligen Besitzes, der in den Deichrollen festgehalten ist. Unklarheiten über die jeweilige Größe der Ländereien waren im Verlaufe des 17. Jahrhunderts in der oberemsischen Deichacht, zu der Petkum gehörte, entstanden. Deswegen mußte neu vermessen und ein neues Register angelegt werden.

    Der Landmesser Johann Honart vermißt von 1669/73 fünf Jahre lang den betroffenen Bereich, stellt den zu jedem Dorf gehörenden Besitz in Spezialkarten dar und trägt die Ergebnisse seiner Vermessungen, auch die in der „Petkummer Herlichkeydt“ in ein „General Landt Register“ ein. Die Grundstücke sind sehr genau vermessen worden. Das jeweilige Dorfbild ist dagegen sehr großzügig dargestellt. Es ist nicht wichtig für die Festsetzung des Deichschoßes und der Arbeitsanteile.

    Dieser Vermessungsarbeit verdanken wir eine sehr genaue Flurkarte der Petkumer Feldmark mit allen Wegen, Wasserläufen und Ländereien und ein Register, in dem die Größe von 321 Flurstücken in Grasen und Quadratruten sowie die Namen ihrer Eigentümer und Pächter und die Wege- und Gewässernamen und besondere Benennungen von Flurstücken aufgezeichnet sind, Flurnamen, die sich z. T. bis heute gehalten haben.

    1675/77/78: Der „Niederländische Krieg“ geht über in den „Schwedischen Krieg“. Nach der Schulchronik ziehen 1677/78 Münstersche Söldnerscharen brandschatzend und plündernd durch das Dorf, bis sie im Herbst 1678 nach blutigen Gefechten mit den Emdern dadurch vertrieben werden, daß die Schleusen in Emden (muß wohl heißen „Siele“) geöffnet und die ganze Umgebung der Stadt unter Wasser gesetzt wird.

    1678: Mit der Urkunde vom 24. Januar 1678 verleiht Kaiser Leopold I. in Wien den ostfriesischen Ständen das Upstalsboom-Wappen und bestätigt Privilegien. (Die drei ostfriesischen Stände waren Adel, Bürgerschaft, Bauern mit eigenen Höfen.) Bolo Ripperda von Petkum hat als Gesandter der Stände in Wien maßgeblichen Anteil am Erfolg dieser Verhandlungen, deren Ergebnis die ostfriesische Fürstin Christine Charlotte zunächst ihre landesherrliche Anerkennung verweigert.

    1683: „Anno 1683 zwischen dem 7 und 8 January des Nachtes ist auß der Petkummer Kirche daß Armen Block mit dem darin gewesenen gelde weggestohlen, und ist den 9 ejesdem an daß Steinpadt zwischen Petkum und Widdelswehr von den Schulkindern doch ohne geld wiedergefunden.“ (Petkumer Kirchenbuch)

    1687: Ein Dieb stiehlt „ein festes Spiend Schloß“ vom Armenblock und „ein schönweiß damasten Kleid von dem Altar“. Er hat aus dem Block aber kein Geld entnehmen können. (Vielleicht war keins drin!)

    1692: „Anno 1692 zwischen dem Sontag Trin. und dem 1. post hat man in hiesiger Kirche daß große Schloß vor dem Armen Block mit pulver gefüllet gefunden. Was die diebe damit vorgehabt, ist leicht zu erachten.“ (Die gute alte Zeit!) Kirchenbuch Petkum

    1692: Am 31. Mai weht ein heftiger Südweststurm und treibt das Salzwasser über die Deiche und Dämme ins Binnenland. Das Vieh muß einige Tage aufgestallt werden. Viehhalter, die kein Heu mehr haben, müssen ihr Vieh nach und hinter Emden in die Weide geben oder aufstallen lassen. „So ist auch an diesem Tag der Oldersummer Syl, da der zuvor etwas brechgefellig gewesen, gantz aus dem grund hinweggerißen, und der große Brücke daselbst ganz und gar ruiniret, auch daß Korn umb Oldersum und daherumb, wie auch alhir, zugrund verdorben.“ (Kirchenbuch Petkum)

    1693: Besonders üppiger Gras- und Kleewuchs in den „hohen Vennen“. Das ist wohl eine Folge der vorjährigen Schlickwasserdüngung bei der Sturmflut.

    1713-1728: Das Burg-Inventarium weist ein Protokollbuch für die Jahre 1713-1728 nach; während dieser Zeit ist Herr v. Lengen in Petkum Amtmann gewesen.

    1714-1717: Schlimme Zeiten für Ostfriesland: Einer Viehseuche fallen 60000 Rinder zum Opfer.

    In der Fastnachtsflut Anfang März 1715 bricht wieder der Deich zwischen Petkum und Petkumer Münte. Das Wasser spült einen tiefen Kolk aus.

    Das Jahr 1716 bringt eine „Amel“-Plage (Tipula-Plage).

    1717 bricht dann die Weihnachtsflut über die Küste herein.

    1715: „Dagegen richtete eine am 3. März 1715 eingetretene hohe Wasserfluth, die man die Fastnachts-Fluth nennet, großes Verderben an. Fast ganz Emder=Amt wurde mit dem Seewasser bedeckt ... Bei Petkum riß der Deich durch. Die Oefnung war so weit, daß sie durchaus nicht gestopfet werden konnte. Dadurch entstand der große Petkummer Kolck. Erst in dem Herbst dieses Jahres wurde, Landwärts ein, um den Kolck herum gedeichet. Solange stand diese ganze Gegend unter Wasser. Um diesen Deich zu legen, mußten die Interessenten der Deichacht, von jeden dreißig Grasen Landes einen Mann mit einem Spaten stellen, und dann wurde von jedem Grase acht Gulden zur Bestreitung der Kosten eingewilliget. Auch schenkte die Landschaft noch außerdem 12000 Gulden dazu. Die Interessenten der Deichacht konnten also in diesem Jahre ihre Ländereien nicht nützen, und mußten noch ohnehin schwere Kosten entrichten.“ (Wiarda VII [1714-1734] S. 5)

    1716/17: Mühlen: Am Deich stand schon lange die herrschaftliche Roggenmühle, eine Ständermühle. Ihre Lage war wohl bedingt durch das Petkumer Mühlenrecht für Ditzum und Pogum. Nun wird 1716/17 im Westen des Dorfes dicht bei dem Übergang des Hereweges über das Petkumer Sieltief auf einem Stück Land, das zur Burg gehört, eine Holländermühle als Pelde-Gersten-Mühle gebaut. 1789 gehen nach Abbruch der Ständermühle alle Rechte auf die Holländermühle über, die damit eine Mühle mit allen Mahlrechten wird.

    1855 kauft der Schiffskapitän A. W. Schoof aus Weener diese Mühle.
    1955 wird sie abgebrochen. Ein Jahrhundert lang ist sie also im Besitz von Angehörigen der weit verbreiteten Müllerfamilie Schoof gewesen. (Siehe Mühlen-Kapitel)

    1717: Die Weihnachtsflut: „Ostfriesland traf ein Mißgeschick, welches die Drangsalen des dreißigjährigen Krieges und die mansfeldischen und hessischen Verwüstungen überwog, oder doch wenigstens diesen Drangsalen gleich kam, ein Mißgeschick,  wovon es sich in langen Jahren nicht wieder erholen konnte.“ (Wiarda)
    In Petkum ertrinken 14 Menschen. 30 Pferde und 60 Stück Rindvieh kommen um. Fünf Häuser werden von der Flut völlig zerstört. Das Haus des Amtmanns wird mit allem Hausgerät (und zum Leidwesen des Chronisten wohl auch mit allen Akten) bis auf den Grund weggespült. „Fast ganz Harlingerland und die Herrlichkeiten Oldersum, Petkum, Rysum, Lützeburg, Dornum und Gödens glichen einer offenbaren See.“ „Nach der Weihnachtsflut hielt das Land besonders in der oberemsischen und niederemsischen Deichacht ganze sechs Jahre lang Ebbe und Flut. In diesem langen Zeitraum konnte das unter Wasser stehende Land nicht gebauet, und keine Früchte konnten geerntet werden.“ (Wiarda)

    1730 und die folgenden Jahre: Klingelbeutelgeld
  • 1730 27 Gulden
    1731 34 Gulden
    1732 30 Gulden

      • 1738 Bedeutend geringere Einnahmen, weil wegen der Vakanz der Unterpastoreistelle keine nachmittägliche Predigt gehalten wird.
  • 1742 51 Gulden
    1743 - 60 durchschnittlich 30 – 60 Gulden
    1772 - 78 durchschnittlich 80 Gulden
    1784 – 85 durchschnittlich 25 Gulden

  • 1734 – 1780 Reparaturen an Kirche, Turm und Dachreiter:
    1734 Turm ist sehr verfallen, wird repariert

      • 1741 – 44 Beträchtliche Ausgaben für die Kirche und das Schieferdach des Dachreiters.

  • 1749/1750 Großes Bauvorhaben: Das Kirchenschiff ist „ganz verfallen“ und muß erneuert werden. Die Materiallieferungen werden vergeben. Dabei werden bestimmte Ansprüche an die Qualität des Materials gestellt. Im Herbst 1749 wird der Abbruch ausgeboten. Er bringt 163 Gulden (verwertbares Material) und muß bis Mittwinter durchgeführt sein. Die freigelegten Fundamente werden untersucht und für geeignet befunden, den Neubau zu tragen. Da auf Anordnung des Patrons das Kirchenschiff verkürzt werden soll, muß lediglich für den Westgiebel ein neues Fundament gemauert werden. Am 1. April 1750 beginnt der Neubau. Im August steht das neue Gebäude verglast auf dem Friedhof.  Aber die „muthwillige Jugend“ macht sich ein Vergnügen daraus, die Fensterscheiben einzuwerfen, so daß Amtmann Funck harte Strafen für Kinder und Eltern androhen muß. Auch das Innere der Kirche wird neu gestaltet.

    Das Jahr des Neubaues zeigt heute noch die Jahreszahl 1750 oben am Westgiebel an. Lediglich von der alten Südwand blieb im Anschluß an den Chor ein kleines Stück stehen. Es ist heute noch am anderen Format der Steine und an anders gemauerten Verzierungskanten zu erkennen.
    (Die Chronik enthält einen ausführlichen Bericht über den Neubau 1749/1750)
  •  

      • 1762 werden 265 gl. (Gulden) für „Schiefer auf dem spitzen Turm“ (Dachreiter) ausgegeben.
  • 1780 werden „Spitze, Chor und Kirche“ gedeckt.

  • 1742: Bis 1742 gab es in Petkum 2 Pfarrstellen, einen Ober- und einen Unterpastor. 1738 stirbt allerdings schon der letzte 2. Pastor Johannes Dammeier. Bis 1742 bleibt die Stelle vakant. In diesem Jahr übernahm nach dem Tode auch des 1. Pastors Friedrich Dammeier Pastor Johann Michael Weitz allein die Betreuung der Gemeinde. Seitdem wurde die 2. Pfarrstelle nicht wieder besetzt und 1869 endgültig aufgehoben.

    1749: Der Petkumer Einwohner Albert Behrends (auch Behrens, Berends, Berens), genannt Albert Ruiter (wohl eine Landsknechtsnatur), ermordet am 3. 12. 1749 am Deich bei Widdelswehr den Emder Schutzjuden Levi Borchers (Börchers), raubt die Leiche aus und wirft sie nackt in eine Spittdobbe. Der Mord wird aufgeklärt. A. Behrends wird dazu verurteilt, mit dem Rad vom Leben zum Tode gebracht und dann auf das Rad geflochten zu werden. Das Urteil wird in Berlin bestätigt. Am 1. August 1750 können die Beamten nach dort den Vollzug des Urteils melden: Albert Ruiter ist auf dem Richtplatz in Borßum erst stranguliert, dann gerädert worden. Sein Körper wird mit Ketten auf dem Rad festgemacht. Das Rad ist noch auf der Rüstkammer in Emden ausgestellt.

    Um 1750: Das Burg-Inventarium weist einen Heuerbrief „wegen der Brauerey“ für Henricus W. Beneken nach. Es ist öfter in den alten Akten von der Brauerei und der Brauerei-Gaststätte die Rede. Wo sie gelegen haben, weiß ich noch nicht mit Sicherheit. Früher erstreckte sich an der Hohen Straße entlang von der Abzweigung der damaligen Lohne bis hin zum Hereweg ein Garten, „de Brauereejtuun“. Heute stehen dort die Häuser von A. Cobi und Donker +. In dem Haus, in dem früher Schuster van Hove wohnte, das heute Steinmann gehört, ist noch im vergangenen Jahrhundert eine Gaststätte betrieben worden. (Aufzeichnung Frerich Janßen) Ob sich hier auch die Dorfbrauerei befunden hat? Der alte Gartenname gibt eine Berechtigung zu dieser Vermutung. Dann hätte die Brauerei mitten auf der alten Dorfwarf gelegen. Sie ist sicherlich ein kleiner Familienbetrieb mit Ausschankerlaubnis gewesen.

    1751 – 1878: Der sogenannte Emder Pegelverband faßt die Oldersumer-, Petkumer-, Faldern-, Neupforts-, Gasthaus-, Larrelter und Greetmer Sielacht zu einem Verband zusammen, der ihnen die Pflicht auferlegt, das Wasser in den Binnentiefen an der Unterems zur gemeinsamen Entwässerung und zur Ermöglichung der Binnenschiffahrt auf einem gleichhohen Pegelstand zu halten. Die Fläche des Pegelverbandes umfaßt 105400 Hektar, von denen 58700 Hektar sielpflichtig sind. Innerhalb des Verbandes behalten die einzelnen Sielachten ihre Selbständigkeit.

     1752: Nach Vorschrift der königl. Verordnung vom 15. 3. 1752 werden in dem Inventarium der Petkumer Kirche folgende Gebäude aufgeführt:

    • a) „Die Kirche, darin ist eine Orgel und Uhrwerk, neben daran ein Turm, worin zwei Glocken, davon die eine aber unbrauchbar.
  • b) Das Oberpastorei-Haus
  • c) Das Unterpastorei-Haus

    d) Das Schulmeister-Haus

    • e) Das Schulhaus, worin nur ein Zimmer zum Gebrauch der Schulen vorhanden.“
      Über das Schulmeisterhaus berichtet das Inventar vom 18. 12. (18)28 wörtlich:
    • „Die Meisterei ist schon vor mehreren Jahren eingestürzt und nachher nicht wieder aufgebaut.“
      „Das Schullokal war früher die Sakristei der Kirche.“

  • 1752 wird Frau Amtmann Funk noch in der Kirche beerdigt. 13 1/2  gl. sind dafür zu bezahlen.

    1759: Der Petkumer Siel, Baujahr 1759, ist aus Holz, zu ihm gehören drei Deich- oder Sielrichter. Das Bauwerk hat eine lichte Weite von 10 Fuß und entwässert 3030 Grasen (Dimate).

    1772: Nach Notizen im Petkumer Pfarrarchiv vom Ende des 19. Jahrhunderts wird 1772 für 87 Gulden von Claudius Fremy (?) eine Glocke gegossen. Von der Kirchengemeinde Petkum wird im 1. Weltkrieg eine Glocke abgeliefert. Es muß diese, die jüngere Glocke gewesen sein.

    Um 1780: Liste der Dorfarmen: Petkum hat 13 Dorfarme, 8 Frauen, Alter, 80,70, 65, 56, 55, 50, 50, 40 Jahre. Eine hat noch 2 Kinder, 5 haben noch 1 Kind, 2 haben keine Kinder mehr zu versorgen. Ursache der Armut bei allen Frauen: „durch versterben von ihr man.“ Weitere Arme: 1 Mann, 66 Jahre alt. Dann 3 nachgelassene Kinder, 20, 7, 3 Jahre alt, ein junger Mann, 18 Jahre alt, seit 16 Jahren betreut (also wohl krank).
     
  • 1783-1793: Ludwig Roentgen (Röntgen) ist Pastor in Petkum.
    „Eine der originellsten Gestalten der ostfriesischen Predigerwelt aus der Zeit der Aufklärung.“ (Prof. Ritter) Stammt aus der berühmten Kunsttischlerfamilie Roentgen in Neuwied, die für fast alle europäischen Fürstenhöfe gearbeitet hat. Geb. 29. 11. 1755. Wird als Herrenhuter erzogen. Lernt erst Uhrmacher. Beginnt 1775 ein Theologiestudium in Tübingen und schließt es 1780 ab. Freundschaft mit Lavater in Zürich, dem Jugendfreund Goethes. Roentgen wird die Pfarrstelle in Petkum vermittelt. Er hat vom Ort die Vorstellung eines reichen holländischen Bauerndorfes. Außerdem wird ihm ein falsches viel zu hohes Gehalt mitgeteilt. Nachdem er trotz aller Enttäuschungen die Pfarrstelle in Petkum angetreten hat, heiratet er 1783 Sophia Margaretha Tischbein aus der berühmten Tischbein-Malerfamilie, die aus Lübeck stammt und auch als Malerin ausgebildet ist. Petkum ist ein armes Dorf und das Pfarrhaus armselig. Aber Roentgen bleibt 10 Jahre als Seelsorger. 1785 wird Lavater in Zürich Pate seines ersten in Petkum geborenen Sohnes.

    Roentgen gehört zum Illuminatenorden und schließt sich den Freimaurern an. Als das bekannt wird, große Empörung bei den Dorfbewohnern. Eines Abends wird durch das Fenster auf Roentgen geschossen. Im Winter wollen ihn die Dorfbewohner steinigen, wenn er wieder die Kanzel betritt. Er tut es und predigt über den für die Situation passenden Text: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Roentgen bemüht sich sehr um Besserung der Schulverhältnisse und sozialen Zustände im Dorf.
    Er führt einen Briefwechsel mit dem Dichter Jean Paul und gibt eine mehrbändige Zitaten-Auswahl aus dessen Werken heraus.

    1793 wird er als Oberprediger und Inspektor des Waisenhauses in Esens eingeführt. Dort stirbt er am 7. 12. 1814.
    (Siehe Kapitel „Roentgen“ und „Armenpflege“)

    1787: Petkum hat 4 Rottmeister: Jacob Ulferts, Takens, Benjamin, Anthon Schröder. Auskündiger ist Behrend. Es gibt 7 Armen- und Bettlerkinder.

    1787: Der Petkumer Friedhof muß früher von einer Mauer umgeben gewesen sein. Denn nach Notizen im Pfarrarchiv aus dem späten 19. Jahrh. wird 1787 die Kirchhofsmauer „als eine lästige Poßeßion“ (lästiger Besitz) abgebrochen, die Steine werden für „162 gl 71 g verkauft.“

    Um 1787: Der erste Vertreter der alten Bauernfamilie Bracklo ist offensichtlich als Rentmeister der Familie v. Torck nach Petkum gekommen. Um 1787 hat Christian Ludwig Bracklo dieses Amt inne. Er wohnt wohl im Schatthaus, das an der Stelle des heutigen Dammeyer-Hofes neben der damaligen Wasserburg liegt. Geboren ist er um 1732/33, gestorben 1790. Er wurde im Chor der Kirche beigesetzt. Sein Vater Johann Bogislaw Bracklow war königl. Oberförster im Brandenburgischen. Seine 2. Frau Everdina geb. Janssen, die er 1778 geheiratet hat, stirbt 1832. Sie hat ihren Mann um fast 42 Jahre überlebt. Ihr Grab ist noch auf dem alten Friedhof erhalten. Während ihrer Witwenzeit wird 1806 der alte Bracklo-Hof an der Landstraße gebaut, dessen Wohnteil 1962 abgebrochen und durch einen modernen Neubau ersetzt wird.

    1789: Die Ständermühle am Deich, eine Roggenmühle, wird abgebrochen. Zugang zu ihr vom Dorf her auf einem schräg über den Deich führenden Weg, von Ditzum und Pogum her von der damals sehr kurzen Muhde aus. Die Rheiderländer mußten noch im 18. Jahrh. ihr Korn in Petkum mahlen lassen. Die Mühle war baufällig, und der letzte Müller Jan Tholen, gestorben am 2. Dez 1788, wurde nicht von allen Mahlgästen für ehrlich gehalten. Damals hatten viele Müller einen schlechten Ruf.

    1790: In den Schulakten wird die Petkumer Ziegelei erwähnt.

    1790: Statistik Petkum: 102 Feuerstellen, 417 Einwohner, darunter 1 Pastor, 1 Küster, 16 Bauern, 2 Böttcher, 2 Bäcker, 43 Cossäten (wohl Landarbeiter), 2 Fischer und Schiffer, 1 Leineweber, 1 Müller, 2 Schneider, 2 Schmiede, 3 Schuster, 3 Zimmerleute, 1 Ziegelstreicher. U. a. gibt es in Petkum 88 Bienenkörbe, 1799 sogar 144.

    1793: Am 3. 12. 1793 stirbt die Freyfrau Eusebia Jacoba verw. van Torck, geb. Freyfräulein de Rode van Heeckeren. Sie ist Vormund des Besitzers der Herrlichkeit F. S. A. v. Torck.

    Amtmann Schmid ordnet an, daß wie beim Tode des Baron A. J. v. Torck drei Wochen lang mittags von 12 – 1 Uhr die Glocken geläutet werden und daß die Kanzel schwarz umkleidet wird. Pastor Zimmerman wird angewiesen, das Geschehen am 15. 12. der Gemeinde in der Predigt bekannt zu machen und dafür zu sorgen, daß die Kirchenmusik drei Wochen lang unterbleibt.

    1794: Der frei stehende Kirchturm stürzt an der Westseite ein. Das Dach ruht noch auf drei Mauern und droht nachzustürzen. Der Turm muß abgebrochen werden. Die Glocken werden gerettet. 1802 wird der Turm unter schwierigen Bedingungen ohne die vom Pastor erwartete freudige Mitarbeit der Gemeinde, besonders der Bauern, wieder aufgebaut.

    1795: Die Kirche wird von Anfang Februar bis Ende März rund 5 Wochen lang von englischen Truppen als Lazarett benutzt. Die Kirchenbänke werden zum Teil verbrannt. Der Altar wird unbrauchbar gemacht. Kirchliche Handlungen, Taufen, Heiraten usw. 

     

    können nicht stattfinden. Jedoch wird Magdalena Sophia Friederica Zimmerman, geb. Eisfeld, die Frau des Pastors, die am 27. März 1795 im Alter von 50 Jahren gestorben ist, am 3. April in der Kirche begraben, im Gang schräg der Kanzel gegenüber.

    Um 1800: Nach Notizen, die offensichtlich im 19. Jahrhundert für eine Chronik gemacht worden sind und im Pfarrarchiv aufbewahrt werden, muß vor 1800 die Kirche wieder in einem baulich sehr schlechten Zustand gewesen sein. 1796 ist von Baufälligkeit die Rede. Die Mauern im Chor, das Dach und der Boden, außen die Pfeiler sind in einem schlechten Zustand. In den Chor müßten Stangen oder Balken eingezogen werden, um den Mauerdruck aufzufangen. Auch die Dachreiterspitze droht einzustürzen. Die Kirchhofspfade sind verwahrlost. Damit nicht mehr hineingefahren werden kann (vielleicht war das während der Lazarettzeit geschehen), sollen die Wege durch Gitterpforten verschlossen werden. 1796/97 werden Stangen durch den Chor gezogen, nach der Lazarettzeit neue Bänke angeschafft. Ein neuer Altartisch wird aufgestellt. (Bislang hatte die Kirche einen Altar. Von nun an ist von einem Altartisch die Rede. In den Papieren wird die Vermutung geäußert, das Sandsteinrelief sei ein Teilstück des alten zerstörten Altars gewesen.) Die Kirche wird innen neu gestrichen. Die Friedhofswege werden in Ordnung gebracht und durch Pforten abgeschlossen. Weil das Geld nicht gleichmäßig verteilt werden kann, werden die vom engl. Commissariat für die während der Lazarettzeit geleisteten Fuhren gezahlten 222 gl 3 Sch der Kirche geschenkt und sicherlich für die Reparaturen verwendet. Um 1806 scheinen neue Fenster mit getöntem Glas in den Chor eingesetzt worden zu sein, denn es werden in diesem Jahr aus den alten Chorfenstern 300 Pfund Eisen verkauft. Der Patronatsherr v. Palland hat zur Erneuerung 60 fl. (Gulden) beigesteuert.

    1802: Pastor Zimmerman spricht in einem Schreiben von der Petkumer Ziegelei. (1790 in der Statistik wird ein Ziegelstreicher genannt.) Die Ziegelei scheint also kein großer Betrieb gewesen zu sein.

    1807: Nach der Niederlage Preußens bei Jena und Auerstedt werden Ostfriesland und das Jeverland als Departement Oost-Vriesland dem Königreich Holland zugeschlagen, das von Napoleons Bruder Ludwig Bonaparte regiert wird.

    1808  6. März: Da die Bettelei in Petkum einer Anzeige zufolge „auf einen außerordentlich hohen Grad gestiegen ist,“ werden die Schüttmeister aufgefordert, wieder einen Bettelvogt einzusetzen. Am 14. März erscheint der Schüttmeister Hülsebus und gibt an, zum Bettelvogt sei Christian Smid eingesetzt. Er bekommt einen Rock und wöchentlich 6 gute Groschen.

    1811: Das Königreich Holland wird an Frankreich angegliedert. Ostfriesland wird zum Departement de 1‘ Ems oriental, seine Bewohner werden französische Staatsbürger. Da für diese die Wehrpflicht besteht, gilt sie auch für die Ostfriesen. Auch aus Petkum werden nach einem Auswahlverfahren Seeleute zur französischen Marine eingezogen. In späteren Notizen im Kirchenarchiv heißt es, der Sold sollte nachgezahlt werden, „ist aber nicht gekommen“.

    1812: Die Burg zu Petkum wird „auf Befehl des Barons von Palland zu Eerde als Curator des Eigentümers S. A. v. Torck wegen Baufälligkeit abgebrochen. Dieselbe war außerhalb der Ringmauer von Osten nach Westen 119 Fuß lang, und 29 Fuß breit und im Mauerwerk von der Erde 18 Fuß hoch, enthielt 6 Zimmer unten, 2 oben; daneben ein Stallgebäude mit Amtsgefängnis. Der Burgplatz war mit einer innen 8 Fuß hohen Mauer umgeben und mit einem Graben, über welchen eine Zugbrücke führte. In der Mitte des Platzes war ein steinerner Brunnen.“ (Schulchronik) Kirche und Burg lagen ungefähr auf einer Ost-West-Linie. Zwischen den beiden Gebäuden floß das erste Petkumer Tief und bildete einen Teil des Burggrabens. Letzte Teile des Burggrabens wurden später zugeschüttet.

    1812-14: „1812 zur Zeit der Französischen Regierung in Ostfrießland, wurden den Predigern die Kirchen Protocolle abgefordert u. die Copulationen von den damahligen Mairen“ (Bürgermeistern) „verrichtet, so wie diese nebst den vorfallenden Geburten u. Sterbefällen in ihren Registern eingeschrieben ..... mit dem 1. Januar 1815 erhielten die Prediger die protocolle zurück.“ (Kirchenbuch)

    Dieses Register hat in Petkum der damalige Schüttmeister und Maire Mense Heeren Hülsebus geführt. Es ist später in das Kirchenbuch eingebunden worden.

    Die Familie Hülsebus führt einen „wehrhaften“ Namen. Er leitet sich ab von der niederdeutschen Bezeichnung für den Ilex-Busch oder die Stechpalme, von „Hülsebusk“ oder „Hülsebusch“. Die frühen Träger dieses Namens haben offensichtlich von seiner Herleitung gewußt. Denn auf mehreren alten Grabsteinen taucht als sonst nicht übliches Schmuckzeichen ein Stechpalmenzweig auf. Die ersten bislang nachweisbaren Vorfahren sind Taake Weyerts und Anna Jacobs, die laut Petkumer Kirchenbuch beide aus dem Ort stammten und dort 1687 heirateten. Die Hülsebus-Linie ist aus Neermoor über Widdelswehr nach Petkum gekommen. Sie hat eine Reihe von Deich- und Sielrichtern gestellt. Eine markante Gestalt ist der Bauernreeder und Sielrichter Take Weerts Hülsebus, der 1835 Ubbina Johanna Bracklo heiratete und später nach dem frühen Tod seiner Frau seiner Brigg, die unter den Kapitänen Gerjet M. Roggenberg und Bernhard D. Roggenberg fuhr, den Namen „Ubbina“ gab. (Siehe Kapitel: Heimathafen Petkum) Er ließ den durch verschiedene Schmuckelemente reich verzierten Hof zwischen Lohne und Fährstraße bauen, der leider nach dem letzten Krieg abgerissen wurde. Im Alter bewohnte er als Witwer das kleine bescheidene Haus gegenüber, in dem später lange Jahre die Familie des Postboten H. Kettwig gewohnt hat. Es ist leider auch nach dem letzten Krieg abgebrochen worden. Sein Sohn Mense Heeren Hülsebus war Bauherr der Villa, die heute noch am Ostausgang des Dorfes an der Leeraner Straße steht und von Take Weerts Hülsebus und Familie viele Jahre bewohnt worden ist. Als die Kinder aus dem Hause waren, ließ er für seine Frau und sich in der Nähe seines verpachteten Hofes im Hammrich am Klappweg ein größenmäßig passendes Haus bauen, in dem sie heute noch wohnen. Take W. Hülsebus ist lange Jahre bis zur Aufhebung des Amtes 1996 Ortsbürgermeister gewesen. Er hat eine Reihe von Ehrenämtern inne.

    1821: Bislang wurde die Aufsicht über das Armenwesen im örtlichen Bereich von den Kirchen durchgeführt. 1821 wird sie dem Konsistorium in Aurich entzogen und der königlichen Regierung übertragen, weil nach damaliger Sicht Armenwesen und Polizei in enger Beziehung stehen.

    1822: Der Generalsuperintendent Müller zieht bei Vakanzvertretungen in Petkum je drei lutherische und drei reformierte Nachbarpastoren heran und berichtet darüber ausführlich als über ein neues Vorgehen.

    1824: Wieder große Unordnung auf dem Kirchhof. Beschluß: Gräber, auf die kein Anspruch erhoben wird, fallen der Kirche zu. Selbstmörder werden auf der nord-östlichen Ecke des Friedhofs begraben. Dort ist während der Franzosenzeit auch die Tochter eines Douanen (Zollbeamten) begraben worden. (Wahrscheinlich war sie katholisch. Das war damals in Petkum noch ein „Makel“.)

    1825: Am 3./4. Februar hohe Sturmflut. Das Wasser überströmt die Deiche. Diese erleiden Kappenstürze und werden stark beschädigt. Im Binnenland steigt das Wasser „mit unglaublicher Schnelligkeit“ zu beträchtlicher Höhe an. Natürliche Folge ist Verlust der Rapssaat und der Wintersaat. Ein Haus am Deich wird zerstört und die Ziegelei

     

    Solche Steinverzierungen waren unter den Fenstern des Hülsebus-Hofes eingemauert. Diese wurde beim Abbruch aus den Trümmern gerettet und ziert Haus Nr. 15 an der Hohen Straße.

    stark beschädigt. Die 52jährige Jantje Rolfs, Ehefrau des Fischers Gerd Janssen, ertrinkt, als sie abends spät noch ihre Schafe in den Stall holen will. Da „das ins Land eingedrungene Wasser in den ersten Wochen wenig von seiner Höhe verlor,“ konnte ihre Leiche lange nicht gefunden werden, wurde erst am 18. März unweit von Petkum entdeckt und noch am Abend desselbigen Tages beerdigt.

    1828, 27. Okt.: „Zu der lutherischen Gemeinde Petkum gehörte ursprünglich auch Widdelswehr, wo eine Kapelle stand, in welcher der Pastor von Petkum zu predigen hatte; es ist aber am 27. Oct. 1828 nach Jarssum eingepfarrt.“ (Schulchronik)

    1830: Rentmeister Dammeyer, der vorher Lehrer in Petkum gewesen ist, bekundet, daß Herr von Torck und dessen Schwager Herr von Palland die Herrlichkeit Petkum gemeinsam besitzen. Armenvorsteher im Dorf ist in diesem Jahr Ihno Gerdes.

    1835/37: Das erste Schulhaus in Petkum, von dem wir wissen, lag auf dem jetzigen alten Friedhof an der Nordseite des Chores und war mit ihm durch eine Tür verbunden. Es wurde auch als die frühere Sakristei der Kirche angesehen, war aber so groß, daß in ihm bis zu 70 Kinder unterrichtet werden konnten (22 Fuß lang und 19 Fuß breit). Im Giebel befand sich das Zifferblatt einer Uhr. Durch diesen Kirchen-Anbau wurde wohl für manchen Betrachter der Eindruck erweckt, in Petkum sei ursprünglich eine Kreuzkirche geplant gewesen. Dieses Schulhaus wird 1835/37 abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt, der an der Stelle der gleichzeitig abgebrochenen Oberpastorei errichtet wird. Diese war schon nach Aufhebung der 2. Pfarrstelle und dem Einsturz der Schulmeisterei, die in der Krugstraße lag, als Lehrerwohnung genutzt worden. Der Pastor war in die besser erhaltene Unterpastorei gezogen, die ungefähr dort lag, wo sich heute noch das Pfarrhaus befindet. Der Neubau von 1836/37 mit einliegender Lehrerwohnung ist die „olle Skööl“, die viele ältere Petkumer, auch der Chronist, noch während ihrer ersten vier Schuljahre besucht haben. Sie wird nach 1955 abgebrochen, nachdem die Lehrerwohnung darin noch eine Zeitlang als Küsterwohnung genutzt worden war. Die Fläche nördlich des Chores und wohl auch die nördlich neben dem Kirchenschiff (Schulhof  ? ) kann also vor 1837 nicht als Friedhof genutzt worden sein. Auf diesen Flächen befinden sich keine Erbbegräbnisse der alten Bauernfamilien. Die liegen im Süden und Westen an der Sonnenseite des Friedhofs.

    1835: „Am 2ten dieses Monats“ (März) „, abends, hat der Ems-Wachtschiffer Jan Evers Wallenstein von Emden mit seiner Chalouppe und unter Beihülfe seines Steuermanns Gottlieb Riemer des heftigen Sturms und der Finsterniß ungeachtet mit großer Kühnheit und Anstrengung und mit augenscheinlicher Lebensgefahr den Schiffer Simon Schoon von Leer und dessen Knecht von ihrem unter Delfzyl gesunkenen Schiff gerettet. Diese mit edelmütiger Aufopferung verrichtete That wird unter rühmlicher Anerkennung des Verdienstes hiemit öffentlich zur Kenntniß gebracht.“ (Wiechers II, S. 169)

    1841: Foke Carl Heinrich, „Steuer-Amts Gehülfe auf dem Ems-Wachtschiffe“ und Jan Evers Wallenstein, „Commandeur des Königl. Ems Wachtschiffes“, verunglücken den 29. Okt. 1841 auf Zurückfahrt nach dem Schiffe bei einem heftigen Sturm aus Ost-Nord-Ost in der Nähe Petkums.“

    Ersterer wurde am 1. Nov. gefunden und den 7. Nov. beerdigt. Letzterer wurde den 19. März 1842 „unter Widdelswehr“ gefunden und den 21. März begraben.

     

    Alter  1. = 31 Jahre, unverheiratet
     2. = 48 Jahre, Ehemann (Kirchenbuch Petkum)


    1838: 16 Wochen lang hat im Winter das Eis der Ems gestanden. Schwere Frachtwagen konnten hin- und herüberfahren.

    1845: Bientje Lott (Lots), Tochter des Arbeiters Peter Willems Lott und der Janna Isemts, wird am 29. Dez. 1845 in Petkum geboren. Sie hat immer bei Bauern schwer gearbeitet, hat nicht geheiratet, wohnte während der Kindheit des Chronisten als Mieterin einer schmalen Kammer mit Butze, Stall und Bodenraum in seinem Elternhaus und ist die älteste Petkumerin, an die er sich erinnern kann. In ihrer Kammer brannte das Feuer noch in einem „Fürherd unner de open Skösteinbossem“. Im Alter war sie fast blind. Ihr Mittagessen bekam sie von der Familie Schoof aus der Mühle gebracht. Während sie es aß, sprang ihr dicker Kater auf den Tisch und versuchte, von ihrem Teller mitzufressen. Wenn sie das merkte, schob sie ihn mit einer lässigen Handbewegung beiseite. Er aber war hartnäckig und gewann bei wiederholten Versuchen auch manchen Bissen. Diese Erinnerung an sie ist mir bis heute geblieben und ein Fliesenbild, das die Rückwand ihres Fürherds schmückte und heute gerahmt bei uns in Hamburg hängt.

    1851/56 wird die „Westfälische Eisenbahn“, die an Petkum vorbeiführt, ausgebaut. Fremde Arbeiter wohnen im Dorf. Petkum wird erst gegen Ende des Jahrhunderts Haltestelle.

    1852: Ein fremder Bahnarbeiter wird unter dem Namen Heinrich Wilhelm Harms, angeblich 40 Jahre alt und aus Neusiegelsum, am 14. 7. auf dem Petkumer Friedhof begraben, nachdem er am 13. 7. „an einer schnell tötenden Krankheit“ gestorben ist. Anschließend stellt sich heraus, daß die Personenangaben des Toten falsch gewesen sind. H. W. Harms lebt noch und sagt, er habe seinen Legitimationsschein an einen Heinrich Lohmann aus Herford verliehen. Das Kirchenbuch gibt keine Auskunft darüber, ob diese Identität des Toten nachgeprüft worden ist.

    1853, 27. August: Ein Großfeuer vernichtet am Südende der Krugstraße fünf Wohnhäuser, darunter das Armenhaus. Es bricht in dem Haus im Winkel zwischen Krugstraße und Karkstraat zum Tief hin (Standort des späteren Roggenberg-Hauses) aus, wird durch einen stürmischen Wind von Haus zu Haus getragen und macht viele Menschen obdachlos.

    1857/59: Bau des Gewölbesiels aus Stein. Es besteht heute noch als „alter Siel“ und ist unter Denkmalschutz gestellt worden. Lange wird um die Verteilung der Sielkosten gestritten.

    1858 wird zur Steigerung der Entwässerungsleistung des Siels das Sieltief begradigt. Eine neue Straßenbrücke wird als Klappbrüche konstruiert und hat zwei Zugklappen, eine von 4.96 m und eine von 1.89 m, damit eine Durchlaßbreite von 6.85 m. Nun kann in dem Winkel zwischen Hereweg und Tief auf dem späteren Snakkerschen Grundstück der Lüchtsche Helgen seinen Betrieb aufnehmen und seetüchtige Schiffe bauen. Aufgetakelt werden die Rümpfe außerhalb des Siels.

    1859/60: Im Polder beim Sielhaus wird eine Batterie eingerichtet. Stellungen für 8 Geschütze und die notwendigen Unterkünfte für die Bedienung werden, jedenfalls nach dem Plan, gebaut. Die Batterie soll die Ems gegen eine dänische Schiffsinvasion schützen. „De Knechtenböntje“ in der Kirche vor dem großen Innenumbau wurde auch „Suldatenböntje“ genannt. Ob die Bezeichnung aus dieser Zeit stammt?

    1870/71: Mehrere Petkumer Männer nehmen als Soldaten am deutsch/französischen Krieg teil. Keine Verluste. Die Männer sollen nach ihrer Entlassung und Heimkehr feierlich hinter dem früheren Weerda-Hof empfangen und bewirtet worden sein. Dort bildeten hohe Bäume eine Allee zwischen Hof und Westerweg.

    1877, Nacht vom 30. – 31. Januar: Bei einer schweren Sturmflut werden die Sieltore herausgerissen. Binnendeichs wird am Siel ein tiefer Kolk ausgespült. Das Salzwasser überschwemmt die Umgebung des Dorfes für längere Zeit, so daß es wie eine Insel in den Fluten liegt. Das Trinkwasser in der Dobbe im Mühlenland wird versalzen. Mehrere Schiffe, die im Tief liegen, werden auf das Ufer gehoben. Nach dem Ablaufen des Wassers werden an mehreren Stellen „unzählige Haselnüsse“ gefunden. Sie sind aus dem Kolk herausgespült worden und stammen aus tieferen Erdschichten, sind also wohl Jahrtausende alt. In meiner Kindheit konnten noch ältere Petkumer, die dieses Geschehen als Kinder miterlebt hatten, ausführlich von dieser Sturmnacht erzählen. Sie berichteten u. a., daß der Schaum wie Schnee in den Bäumen des Dammeyer-Parks gehangen habe.

     

    1880: Statistik: 1. Dez. Petkum hat 534 Einwohner
     (Ende des 18. Jahrh. waren es 394 gewesen)

     

    1885: Statistik: 1. Dez. Petkum hat 511 Einwohner,
     davon sind 12 einzeln lebende Personen.
     248 sind männlich. 263 sind weiblich.
     121 Haushaltungen, 84 Häuser.

     

    1890: Statistik: Petkum hat 565 Einwohner, ist also ein Dorf mit wachsender
     Bevölkerungszahl.


    1880: Pastor Oepke, 1875 eingeführt, ertrinkt am 24. 11. 1880, als er abends vom Bahnhof Oldersum (Petkum war wohl noch keine Haltestelle) sich auf den Weg nach Petkum gemacht hat, im Oldersumer Maar. Der Leichnam wird am 27. 11. gefunden, mit einem Boot nach Petkum gebracht und 2. Dez. begraben. In meiner Kindheit gab es im Dorf die Erzählung, daß ein „Spökenkieker“ dieses Ereignis als „Vörloop“ vorausgesehen haben soll.

    1885-98 Pastor Heinrich Junker: Die Kirche bekommt neue Fenster mit getöntem Glas. Eine Friedhofsordnung wird herausgegeben. Um den wieder einmal verwahrlosten Friedhof wird „eine schöne Hecke“ gepflanzt. Am Armenhaus in der Krugstraße wird eine Zapfstelle der Wasserleitung eingerichtet, an der jedermann gegen ein geringes Entgelt Trinkwasser holen kann. Sie bekommt im Volksmund den Namen „Junkersbrunnen“ und wird vom Gemeindediener betreut.

    1892/99: Bau des Dortmund-Ems-Kanals (heute Ems-Seitenkanal) 1886 wird sein Bau beschlossen, 1892 begonnen und 1899 vollendet. Er soll für das Ruhrgebiet so etwas wie eine „deutsche Rheinmündung“ sein und führt von Dortmund nach Emden. Ein gegrabener Kanal ist er von Dortmund bis Meppen, von dort bis Herbrum kanalisierte Ems. Anschließend benutzt er das Flußbett, in dem die Tide läuft.
    Von Oldersum bis Emden wird ein Seitenkanal gegraben, der parallel zum Bahndamm südlich von ihm durch die Petkumer Feldmark läuft. Er soll bei schlechtem Wetter im Emsmündungsschlauch (Nebel, Sturm) den Schleppern mit mehreren Lastkähnen dahinter und anderen kleinen Binnenschiffen das Umfahren dieses Emsstückes ermöglichen.

    Heute wird er fast ausschließlich von Sportbooten benutzt. Einsprüchen vor dem Bau von den verschiedenen Gemeindevorstehern und vom Petkumer Deich- und Sielrichter Hülsebus, die u. a. die Entwässerung der anliegenden Ländereien in den Kanal sichern wollen, wird stattgegeben.

    Als das Kanalstück bei Petkum gegraben wird, werden dabei Arbeiter aus den östlichen Provinzen Posen/Westpreußen und Polen eingesetzt. Sie sind zum Teil in Baracken untergebracht, zu denen auch eine Kantine gehört. Die Unterkünfte stehen am Westerweg, andere Arbeiter schlafen in der Gaststätte Slis oder in Privathäusern. Sie werden in ihren Schlafhäusern auch beköstigt. Dabei fällt es ihnen schwer, sich mit dem ostfriesischen Essen anzufreunden. Nach dem Schlachten machen sie sich über „die Grützwurst“ lustig und meinen: Grütze mit Leder überzogen. An Wochenenden gibt es gelegentlich Schlägereien, nach denen am Montag dann noch die Trippen (Fußbekleidung) der Arbeiter auf der Dorfstraße liegen und der Dorfglaser zu tun hat, die zerschlagenen Scheiben zu ersetzen. Auch holländische Arbeiter werden beim Kanalbau eingesetzt. Es bestehen große Spannungen zwischen den Volksgruppen. Der Petkumer Pastor Junker übernimmt die Seelsorge bei den Kanalbauarbeitern. Ob er Zugang zu ihnen gefunden hat, ist nicht bekannt.

    Ende des 19. Jahrh. Schulnot in Petkum: Schülerzahl um 100, ein Lehrer, ein Klassenraum. Lehrer Stellmacher gibt freiwillig statt der 30 Pflichtstunden 36 Stunden in der Woche. Um 1900 mehr als 100 Schüler. 1906 wird die Schule zweiklassig.

    1901/1906: Bei den hohen Sturmfluten in der Nacht vom 27./28. Januar 1901 und am 13. März 1906 wird der Kayedeich neben dem Sanderschen Polder zwischen Petkum und Petkumer Münte hinweggerissen bzw. wieder zerstört. Jedesmal läuft der ganze Polder von Petkum bis Gandersum voll Wasser. Die Erde zur Wiederherstellung des Deiches muß vom Vorland genommen werden. Aber dort ist wenig grüner Anwachs, fast nur schlickgraues Emswatt. Große finanzielle Belastung entsteht für den Bauern Remke Sanders (Beide Male 4 – 5000 Goldmark). Die Pumpe für den Abfluß des Wassers unter dem Kaydeich nach außendeichs funktioniert nicht. Das Wasser dringt durch eine andere Pumpe nach binnen und setzt bei Vierhausen die Gartenländereien unter Wasser. Daraus entsteht ein mehrjähriger Prozeß, in dem es um Entschädigung der Gartenbearbeiter geht.

    1903 werden die Schlicklagerplätze von Emden bis Oldersum auf dem Streifen zwischen Bahn und Dortmund-Ems-Kanal angelegt. Sie sollen den aus dem Emder Fahrwasser und dem Hafen gebaggerten flüssigen Schlick aufnehmen und spittreif trocknen lassen, damit er dann z. B. mit „Törfmuttjes“ als Dünger auf die abgetorften Flächen der Fehne transportiert werden kann. In der Nähe der Dörfer werden die gefüllten Schlicklager in Gartenland für die sich selbst versorgenden Dorfbewohner umgewandelt. Von diesem „Kanalland“ werden in vielen Jahren große Mengen an Früchten für die Haushaltungen geerntet. Erst als nach dem 2. Weltkrieg bei uns „der Wohlstand ausbricht“, wird die Arbeit auf den Äckern als Belastung angesehen. Sie können zum größten Teil nicht mehr verpachtet werden. Folge: Die Kleingartenbauvereine als Oberpächter lösen sich auf.

    1905/1906: Bau der „neejen Skööl“ auf einem Grundstück, das im Osten an den vorhandenen Schulhof grenzt und bislang dem Arbeiter Jacob Poppen gehört hat. Kauf von 84 qm zu je 7 Mark. Antwort eines Bauern, von dem die Gemeinde ein Grundstück zum Bau der Schule erwerben will: Er sei doch nicht so dumm, seinen Besitz zu verkleinern, er wolle ihn wohl durch Landkauf vergrößern. Inzwischen ist nun viel Bauernland in Dorfnähe als Bauland parzelliert und verkauft worden: „Geld un Gööd is Ebbe un Flööt!“

    In diesem Schulgebäude ist wie viele ältere Petkumer auch der Chronist während der letzten vier Jahre seiner Dorfschulzeit unterrichtet worden. Jetzt steht das Haus dem Petkumer Bürgerverein zur Verfügung.

    1908  Großfeuer: Zwei Gehöfte auf Vierhausen brennen ab. Durch Funkenflug fängt auch der Dachreiter auf dem Chor der Kirche Feuer und wird zerstört. Brandursache ist unbekannt. Sind es in Heuhaufen übernachtende Landstreicher gewesen? Oder ein „Feuerteufel“, der damals mehrfach Brände in Petkum gelegt hat? Die Höfe werden am Klappweg wieder aufgebaut. Der Kirchenvorstand kann sich über den Wiederaufbau des Dachreiters nicht einig werden. Das Versicherungsgeld verfällt in der Inflation nach 1918.

    1908: Das Petkumer Bahnhofsgebäude wird gebaut. Während der ersten Jahrzehnte des Eisenbahnverkehrs ist Petkum noch keine Haltestelle. Als sich das ändert (das Jahr habe ich trotz vielfacher Bemühungen noch nicht feststellen können), wird der Dienstbetrieb vorerst in dem Bahnwärterwohnhaus auf der Hammrichseite durchgeführt. Hier werden die Fahrkarten verkauft. Sogar eine provisorische Bahnhofsgaststätte ist eingerichtet. In sie kehren gerne die Knechte und Arbeiter auf dem Weg in den Hammrich ein. Das gefällt den Bauern nicht. Sie erreichen durch eine Beschwerde die Schließung.

    In dem neuen Gebäude befinden sich wohl Wartesäle, aber es bietet keine Gaststätte mehr. Jahrzehntelang läuft fast der gesamt Berufs- und Einkaufsverkehr zwischen Petkum, Widdelswehr, Jarssum, Ditzum, Pogum und Emden über diesen Bahnhof. Viele Ankünfte und Abschiede finden auf ihm statt. In zwei Kriegen fahren von dort die Männer zur Truppe, kommen von der Front auf Urlaub und nehmen wieder Abschied von ihrer Familie und ihrem Dorf, wenn er vorbei ist. Manche kommen nicht wieder. Den letzten Krieg mit seinen Bombardierungen übersteht das Gebäude ohne größere Schäden. Erst Anfang der siebziger Jahre wird im Rahmen von Rationalisierungen und der Verlagerung des Verkehrs von Bahn auf Bus und Privatauto der Betrieb des Bahnhofs eingeschränkt. Das Gebäude wird verkleinert. 1980 wird die Funktion auf die einer Blockstelle reduziert. 1984 wird auch noch diese aufgehoben.
    Seitdem gibt es keinen Bahnhof Petkum mehr.

    1914/18: Im 1. Weltkrieg fallen aus Petkum und Widdelswehr 26/9 Männer. Viele sind jung verheiratet und hinterlassen Frau und ein Kind oder mehrere Kinder. Da nach dem Kriege die Witwenrente sehr niedrig ist, müssen viele dieser Frauen durch Arbeiten beim Bauern Geld verdienen. Viele Männer kehren mit Kriegsverletzungen heim.
    Im Vergleich zu den Städten ist durch die Selbstversorgung der Dorfbewohner mit Gemüse und durch ihre Viehhaltung die Ernährungslage erträglich. Nach dem Kriege, als der Hunger in den Städten immer größer wird, kommen Hamsterer ins Dorf und wollen kaufen oder tauschen.

    Dialog zwischen einem Gendarm und einer Hamsterin: „Leve Frau, Se hemmen dor een Püt vull Arten. De bünt hamstert, de mutt ick beschlagnahmen.“ „Wenn Ji mi de Arten wegnehmen mutten, mag dat wesen. Man de Püt is mien!“ Damit schüttet sie ihm die Erbsen aus dem Säckchen vor die Füße.  (Palaver verkürzt und entschärft)

     

    Vom Ende des 1. Weltkrieges bis 1933  


    In den Jahren vor dem ersten Weltkrieg wurden bei Wahlen im Dorf die ersten Stimmen für die Sozialdemokraten abgegeben. Wie mir ein alter Sozialdemokrat erzählte, predigte nach diesem für konservative Kreise bestürzenden Ereignis der damalige Pastor Hafermann, nun stünde wohl der Weltuntergang unmittelbar bevor.

    Im ersten Weltkrieg erfuhren die jungen Männer, die bislang als Bauernknechte , als „Densten“, in den Dörfern gearbeitet hatten, nun als Soldaten fremde Länder und fremde, anders geartete Menschen, erlebten Elend, Not, Verwundung und Tod. Sie gewannen dadurch oft eine neue, erweiterte Weltsicht und eine größere Lebenserfahrung, kehrten nach Kriegsende verwandelt zurück und traten selbstbewußter auf. Ihren Arbeitsplatz suchten sie nun nicht mehr nach alter Tradition in der Landwirtschaft als Knecht oder, verheiratet, als Arbeiter, sondern bei Bahn und Post, im Emder Hafen, in der Schiffahrt und in der Industrie. Die Arbeitsplätze beim „Wasserbau“ blieben begehrt. Sie hatten eine lange Tradition; denn die Küstensicherung mußte unter jeder Regierung, ob Kaiserreich oder Republik, durchgeführt werden.

    Die entlassenen Soldaten heirateten oftmals, wie früher, ehemalige Mägde. Aber nun kauften die jungen Ehepaare von den Bauern die Arbeiterhäuser, die bislang als Werkwohnungen zu den Höfen gehört hatten, und wurden durch diesen Kauf unabhängiger. Denn bislang war es so gewesen, daß wenigstens die Frauen um des Wohnrechts willen für gewisse Arbeitsverpflichtungen, die auf dem Haus lagen, wie das zweimalige tägliche Melken und das Helfen bei der Heu-, Getreide-, Kartoffel- und Rübenernte, auf dem Hof, zu dem die Wohnung gehörte, zur Verfügung stehen mußten.

    Zum Andenken an die Toten des Krieges wurde 1924 auf dem Grundstück im Winkel zwischen der Landstraße und dem Neuen Weg ein Kriegerdenkmal errichtet, und in der Kirche wurde eine Gedenktafel eingeweiht.

    Im Jahre 1921 wurde die Zugbrücke beim Gasthof Slis abgebrochen und durch eine Betonbrücke ersetzt. Dabei wurde der Straßenverlauf begradigt, denn diese neue Brücke führte nicht mehr wie die alte im rechten Winkel über das Tief, sondern paßte sich der geraden Straßenlinie an. Die Auflagemauern der alten Brücke waren noch viele Jahre lang zu sehen, bevor sie irgendwann bei Ufererneuerungsarbeiten beseitigt wurden.

    Die Parteienlandschaft im Dorf wurde bunter. Die konservativ gesinnten Bewohner, das waren hauptsächlich die Bauern und das Bürgertum, fanden sich, soweit sie aktiv wurden, in den rechten Parteien, z. B. im Stahlhelm, dem Kyffhäuserbund, zum Teil später in der NSDAP zusammen. Die meisten Arbeiter gehörten, wenigstens gesinnungsmäßig, zu den linken Parteien, die eine Änderung der sozialen Verhältnisse und mehr soziale Gerechtigkeit anstrebten. Im Dorf war damals allgemein die politische Gesinnung der meisten Familien bekannt. Sie war in der Regel abhängig von ihrem sozialen Status. Natürlich gab es vor Wahlen Beeinflussungsversuche durch persönliche Versprechungen. Aber auch die wurden in der Regel bekannt und nicht gutgeheißen. Außerdem konnte niemand kontrollieren, wie sich der einzelne Wähler trotz Zusagen über sein Wahlverhalten in der Wahlkabine entschied.

    Auch das Dorfbild wurde vor den Wahlen bunter. Es wurde üblich, Plakate anzukleben oder mit kleinen Nägeln und kleinen Pappscheiben auf Holzunterlagen anzunageln. Dafür gab es bestimmte Stellen im Dorf, die besonders geeignet und deswegen begehrt waren. Radikale Anhänger der Parteien scheuten auch nicht davor zurück, die Plakate der Gegenpartei abzureißen. Das gab böses Blut. Aber an größere Schlägereien erinnert sich der Chronist nicht. Es wurde geschimpft und Vergeltung geübt. Das genügte als Ventil für die „empörte Seele“.

    Nach dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1928/29 verloren auch viele Petkumer Männer ihren Arbeitsplatz und vermehrten die immer größer werdende Schar der Arbeitslosen. Diese mußten damals noch persönlich „stempeln gehen“ und kamen dann zuletzt über die „Krise“ auf die „Wohlfahrt“. Bei langer Arbeitslosigkeit waren die Familien gezwungen, zum Schluß mit einem sehr geringen Geldbetrag auszukommen. Das war nicht leicht! Es herrschte damals große Armut im Dorf. In der Politik folgte Notverordnung auf Notverordnung.

    Auch in jenen Jahren wurde schon die Kunst des Überlebens entwickelt. Die Lebensansprüche wurden gesenkt. Sie waren in den Dörfern noch nie sehr groß gewesen und wurden nun noch bescheidener. Kleidung und Schuhzeug wurden bis zum völligen Verschleiß getragen und immer wieder geflickt und ausgebessert. „Flicke satt up Flicke.“ Kinderkleidung wurde oft aus der verschlissenen Erwachsenenkleidung selbst geschneidert und dann noch von mehreren Geschwistern nacheinander getragen. Im Alltagsleben trugen viele Erwachsene die billigen und auch praktischen Holzschuhe. Auch wir Kinder gingen damit in die Schule und trugen darin aus Schafwollgarn selbstgestrickte Strümpfe und dicke Socken. Für uns waren die „Klumpen“ sogar sehr vorteilhaft. Denn wenn bei trockenem Wetter einmal irgendwo „dicke Luft“ war und es vorteilhaft war, schnell zu verschwinden, nahmen wir die „Klumpen“ in die Hand und konnten dann „up Hosocken“ sehr schnell laufen.

    Durch die Selbstversorgung der Familien, durch Tierhaltung und Gemüseanbau wurde aber wenigstens der bittere Hunger von den Menschen ferngehalten. Außerdem versuchten die meisten Männer zu helfen, soweit sie konnten. Wenn es jahreszeitlich möglich war, bereicherten sie durch „Budden“ in der Ems den Speisezettel mit Aal oder aus den Binnengewässern durch „Plattfissen“ und „Stiekelbaasen“. Manche hatten einen kleinen scharfen Hund und gingen während des Winters im Hammrich auf Maulwurfs- und, wenn sich die Gelegenheit ergab, auch auf Iltisfang. Das war zwar verboten,  besserte aber durch den Verkauf der Felle die Haushaltskasse auf.

    Wie in allen schlechten Zeiten gab es auch damals Resignierende, die alles hinnahmen, und Aktive, die versuchten, mit Erfindungsreichtum und allen möglichen Mitteln ihre und die Lage ihrer Familie zu verbessern. Aber, das weiß der Chronist aus bitterer Familienerfahrung, auch Dorfbewohner, die durch Diebstähle, besonders durch Felddiebstähle auf dem Kleingartenbauland, ihre Lage auf Kosten der anderen armen Dorfbewohner zu verbessern suchten. Die Enttäuschung der Bestohlenen war immer groß.

    Die Behörden veranlaßten Notstandsarbeiten und versuchten, dadurch den Männern wieder einen Verdienst zu verschaffen. Natürlich war dabei der Lohn sehr gering, aber doch höher als die gezahlte Unterstützung. Ich erinnere mich, daß in jenen Tagen der „Dwarsmaar“, jener breite Entwässerungsgraben, der quer durch den Hammrich läuft und das Wasser damals noch nach den beiden Wasserschöpfmühlen hinleitete, gereinigt wurde. Dazu wurde der Wasserlauf stückweise abgedämmt, trockengelegt, dann entschlammt, vertieft und abschließend wieder geflutet. Er muß damals sehr fischreich gewesen sein. Denn ich erinnere mich noch, daß die Notstandsarbeiter abends oft mit „‘n Bratsel Fiß“ ins Dorf zurückkehrten. Arbeiter, die keine für diese Arbeit notwendigen langen wasserdichten Stiefel hatten, bekamen diese geliefert, mußten sie dann aber nach und nach von ihrem Verdienst bezahlen. Die Dorfwege wurden damals zum Teil neu gepflastert. An den Seiten wurden „Flinten“ verwendet, die Mitte bestand aus einem ebenen Klinkerpfad. Zuwegungen zu den Häusern kosteten eine freiwillige Spende an die Pflasterer, die damit „innerlich wärmende Getränke“ kauften.

    Ende 1924 war in Petkum eine Ortsbibliothek eingerichtet worden. Die Bücher waren in einem Schrank in der Schule untergebracht. Die Leser wurden vom 2. Lehrer betreut. Aus ihrem wechselnden Bestand konnten, soweit der Chronist sich entsinnt, die Bücher kostenlos entliehen werden. In seiner Erinnerung sieht er noch einige Arbeitslose vor sich, die in der Arbeitslosenzeit wintertags mit mehreren Büchern unter dem Arm nach Hause gingen. Damals gab es weder Rundfunk noch Fernsehen. Deswegen wurde von interessierten Zeitgenossen wirklich noch gelesen. Da die Bestseller-Krankheit im Buchhandel noch nicht ausgebrochen war, geschah die Auswahl der Bücher sicherlich zentral nach volkspädagogischen Gesichtspunkten, war volkstümlich und bot wahrscheinlich die Werke jener Autoren an, die im ostfriesischen Lesebuch für die Oberstufe der Volksschule in Ausschnitten den Schülern schon vertraut geworden waren.

    Vom Landkreis Emden, zu dem Petkum damals gehörte, wurde vor 1930 eine Reihe von Häusern zwischen dem Klappweg und dem Neuen Weg und an der Nordseite der Landstraße nach Widdelswehr hin gebaut. Die erste Siedlung bekam damals im Volksmund den Namen „Neu-Petkum“. In diese Häuser zogen kinderreiche Familien ein, die bislang in sehr einfachen Wohnverhältnissen gelebt hatten: Küche mit zwei Butzen, ein Gang, Stall für Schwein und Schafe, ein Bodenraum für Heu und Torf, der im Sommer mitunter von den Kindern auch als Schlafstelle genutzt wurde. Die Familien mußten es zum Teil erst lernen, in den neuen Wohnungen heimisch zu werden. Aber diese waren ein großer sozialer Fortschritt, der trotz aller konservativen Wohnhaltung der Bewohner auch als solcher empfunden wurde. Es soll jedoch vorgekommen sein, daß zuerst die Waschküche als Wohnküche benutzt wurde, um die anderen Räume zu schonen. Das war wohl eine übertriebene Bescheidenheit, die irgendwann auch ein Ende fand. Manchmal ist der Mensch lernfähig, besonders dann, wenn es um seine Lebensbehaglichkeit geht.

     

    Von 1933 bis 1945   

     

    Es ist nicht so gewesen, daß erst 1933 nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler in Petkum der Nationalsozialismus „ausgebrochen“ ist. Anhänger und auch Mitglieder hatte die NSDAP (Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei) schon lange vorher. Nach einer mir vorliegenden Liste ist das älteste Mitglied 1930 in die Partei eingetreten. 1931 und 1933 waren es dann schon jeweils 10 und mehr, die ihre Gesinnung durch Mitgliedschaft in der NSDAP bekundeten. Und 1933 nach der Machtübernahme flogen der Partei massenhaft „die Märzlinge“ und die „Maikäfer“ zu, wie die neuen Mitglieder damals scherzhaft von kritischen Zeitgenossen genannt wurden. Nicht alle Neumitglieder von 1933 waren wahrscheinlich überzeugte Nationalsozialisten. Manche hängten nur, wie immer in solchen Situationen, ihr Mäntelchen nach dem Wind, weil sie sich davon Vorteile versprachen. Sie waren also nach dem Sprachgebrauch der Gegenwart „Wendehälse“. Vermutlich ist auch das eine oder andere Neumitglied von seinem Arbeitgeber unter Druck gesetzt worden. Auch das kam vor.

    In der Schule wurde für das Jungvolk und die Jungmädchen geworben. Das waren die Jugendorganisationen der Partei. Kinder aus sozialistischen Elternhäusern wurden bedrängt, Mitglied zu werden. So konnte die Ortsgruppe Petkum bald für viele Parteigliederungen Formationen aufstellen. Und überall wurden Pöstchen vergeben, deren Inhaber durch Litzen, Schnüre und Zeichen an ihren Uniformen zu erkennen waren.

    Der „Fasaneninstinkt“ wurde geweckt. Es gab sogar Inhaber von bestimmten Funktionen in der Partei, für die der kritische Volksmund die Bezeichnung „Goldfasan“ geprägt hatte.

    Es ist kaum möglich, auf der unteren Ebene Dokumente aus dieser Zeit aufzutreiben. Die meisten Unterlagen sind 1945 vernichtet worden. Soweit sie nicht verbrannt worden sind, haben die tiefen „Wellpütten“ und das Petkumer Tief manches Papier, manches Exemplar von Hitlers „Mein Kampf“ und manches Parteirangabzeichen schlucken müssen und inzwischen vermodern lassen. Wenn damals aktiv Beteiligte heute befragt werden, haben sie in die erfragte Sache keinen Einblick gehabt oder ihr Gedächtnis weist Lücken auf. Der Chronist hat die Nazi-Jahre bis 1936 in Petkum gelebt und kann über sie aus eigenem Erleben berichten, natürlich aus kindlicher Sicht. Das Geschehen der nächsten Jahre kennt er aus seinen Ferienaufenthalten im Dorf, vieles außerdem aus den Erzählungen seiner Eltern, die alte Sozialisten waren, manches auch aus Dokumenten.

     

    Über die Verwaltung: Die Gemeindevertretung von Petkum war am 12. März 1933 neu gewählt worden. Das Protokoll ihrer ersten Sitzung nach der Wahl liegt mir vor. Es ist aus mehr als einem Grunde interessant und soll hier deswegen zusammengefaßt wiedergegeben werden.

    Die Sitzung fand am 5. April abends 7 Uhr in der Slisschen Gastwirtschaft statt. Anwesend waren acht gewählte Mitglieder. „Die 4 gewählten Mitglieder der Liste „Arbeitervertreter“ konnten nicht zugelassen werden, da die Vorschlagsliste von einem eingetragenen Kommunisten unterschrieben war.“ Das bedeutete: Auf dieser Sitzung waren die konservativen Kräfte völlig ungestört unter sich. Die gewählten Vertreter der Arbeiterfamilien des Dorfes durften nicht teilnehmen. Durch ihren Ausschluß war etwa 1/3 der wahlberechtigten Dorfbewohner um ihre Interessenvertreter gebracht worden. Das war eine erste Probe der vielbeschworenen „Volksgemeinschaft“.

    Der Abschnitt, in dem über die Neuwahl des Gemeindevorstehers berichtet wird, soll hier wörtlich zitiert werden, entbehrt das Verfahren im Nachhinein doch nicht einer gewissen Komik:
    „Schlägt Weerda den bisherigen Gemeindevorsteher vor, während Dammeyer Brungers vorschlägt. Für den Antrag Weerda stimmen 4 und für den Antrag Dammeyer stimmen ebenfalls 4. Da Stimmengleichheit vorliegt, sollen die Würfel entscheiden. Da die Entscheidung für Brungers ausfällt, ist dieser gewählt. Brungers nimmt die Wahl an.“

    Es darf also gesagt werden, daß der erste Nazi-Bürgermeister von Petkum erwürfelt worden ist. Wahrscheinlich ein merkwürdiger Vorgang, zumal deswegen, weil die Stimmen der ausgeschlossenen Arbeitervertreter sicherlich ein anderes Wahlergebnis gebracht hätten. Aber niemand der Anwesenden erhob Einspruch gegen das Ergebnis. Der bisherige Gemeindevorsteher war Harm Janssen. Er hatte lange Jahre dieses Amt innegehabt, war ursprünglich als Sohn eines Arbeiters von den Arbeitern gewählt worden, dann aber im Laufe der Jahre doch mehr und mehr in das konservative Lager abgedriftet. Der Chronist erinnert sich noch an das Spektakel, das es gab, als eines Tages die Akten der Gemeindeverwaltung auf einem Rollwagen aus dem Hause des alten Vorstehers abgeholt und in die Wohnung des neuen Amtsinhabers gebracht werden sollten.

    Der neue Gemeindevorsteher hieß also Brunger Brungers. Im Protokoll der Gemeinderatssitzung vom 14. November 1933 hieß es jedoch schon wieder: „Wahl eines Gemeindevorstehers für den bisherigen und auf eigenen Antrag zurücktretenden Gemeindevorstehers Brungers wegen Arbeitsüberlastung.“ Ein etwas verkorkster Satz. Brunger Brungers war gleichzeitig hoher SA-Führer. Gewählt wurde, natürlich einstimmig, der Ortsgruppenleiter der NSDAP Schmiedemeister Dirk Donker. Er nahm die Wahl an. Ein Protokoll vom 16. 10. 34 hat Donker als „Gemeindeschulze“ unterschrieben, wohl ein Zugeständnis an die Deutschtümelei jener Zeit. Er verwaltete im Sinne der Nazis mehrere Jahre lang dieses Amt bis 1937, nannte sich auch Bürgermeister, so daß er drei Amtsbezeichnungen nacheinander trug.

    Auf ihn folgte M. Hamer, der sein Büro in seiner Plaatse in Petkumer Münte hatte und dadurch den Petkumern, die eine Verwaltungsangelegenheit zu regeln hatten, einen weiten Weg zumutete. Er war geschickt im Umgang mit Menschen, behielt das Amt während der Kriegszeit und über die Kapitulation hinaus bis 1952, als Johannes Achtermann sein Nachfolger wurde.

    Doch zurück in das Jahr 1933. Auch in dem kleinen überschaubaren Bereich des Dorfes begann die Parteiwirtschaft (Einzahl, denn es gab nur noch eine Partei, die NSDAP). Die Parteigenossen mußten an die „Futterkrippe“ gebracht werden. Junge Parteimitglieder fanden bevorzugt sichere Arbeitsplätze bei den staatlichen Arbeitgebern und wurden dort schnell befördert. Alte Gesinnungslinke, deren einzige „Schuld“ darin bestand, sich im Dorf immer für die Milderung der Not von Arbeiterfamilien und für die alten Dorfarmen eingesetzt zu haben, wurden unter Druck gesetzt und in ihrem beruflichen Fortkommen behindert.

    Die Höfe wurden entschuldet. Durch diese Entschuldung erlitten die Kaufleute, bei denen die Bauern in der Kreide standen, erhebliche Verluste. Die Plaatsen wurden in Erbhöfe verwandelt und in einer Erbhofrolle erfaßt. In einem mir vorliegenden Schreiben vom 4. 8. 33 sind für Petkum und Petkumer Münte 16 Höfe als Erbhofanwärter aufgeführt. Ab 1938 wurde der Plan verwirklicht, im Hammrich an verschiedenen Plätzen 4 Neubauernstellen für alte Parteigenossen einzurichten. Im Volksmund bekamen diese Höfe den Namen „SA-Siedlungen“. Sie stehen noch heute.

    Bislang hatten viele Petkumer ihre tägliche Milch bei den Kuhhaltern geholt. Das wurde nun untersagt. Ein Milchwagen fuhr jetzt durch das Dorf, ein Fahrrad mit einem Anhänger, von dem aus die Versorgung stattfand. Wieder war ein alter Parteigenosse (Pg) untergebracht. (Der Chronist traf ihn nach seiner Entlassung vom Kommiß 1945 auf dem Transport in die Heimat. Da gebärdete er sich gar nicht mehr wie ein Pg.)

    Um zugunsten der Bauern den Milchverbrauch zu steigern, und zum Wohle der Volksgesundheit bekamen die Schüler der Dorfschule während einer Pause einen Becher Milch zugeteilt. Sie war vorher in einem Hause neben dem Schulhof angewärmt worden. Das war eine gute Einrichtung und so etwas wie der Vorläufer einer Schulspeisung.

    Im Dorf wurde eine Schwesternstation eingerichtet und mit einer sogenannten „braunen Schwester“ (im Gegensatz zu den DRK-Schwestern oder den kirchlichen Diakonissen) besetzt. Solche Einrichtung konnte für die Bewohner Gutes bewirken, wenn sie unparteilich betrieben wurde. Das mußte eigentlich ja geschehen, denn es gab doch nach dem offiziellen Sprachgebrauch nur noch „Volksgenossinnen“ und „Volksgenossen“.

    Die Feste im Jahreslauf, die in das Weltbild der Partei paßten und ihre Zustimmung fanden, wurden in der „Volksgemeinschaft“ gefeiert. Die Aktion „Stadt und Land Hand in Hand!“ sollte die Verbindung zwischen den verschiedenen Bevölkerungswohngruppen stärken. Aus Emden wurden Gäste nach Petkum eingeladen und bewirtet. Am 1. Mai, dem „Tag der deutschen Arbeit“, marschierten die Petkumer Organisationen in Oldersum oder Emden im Festzug mit. Gelegentliche Ortsumzüge, zu denen immer wieder ein Anlaß gefunden wurde, führten durch Petkum und Widdelswehr, abends in der Dämmerung oder Dunkelheit wohl auch einmal mit Fackeln. Das gab für das Auge natürlich ein romantisches Bild, von dem das Gefühl angesprochen wurde. Im Winter wurde für die Winterhilfe gesammelt, Ansteckplaketten, kleine Holzfiguren und ähnliche Gegenstände, die in Notstandsgebieten in Heimarbeit hergestellt worden waren, wurden verkauft. Es gab einmal im Monat einen Eintopfsonntag. Ständig wurde zu Spenden aufgerufen. Die Menschen wurden innerlich und äußerlich möglichst ständig in Bewegung gehalten, um sie nicht zum Nachdenken kommen zu lassen.

    Ob die Spenden immer für den angegebenen Zweck eingesetzt wurden, läßt sich heute nicht mehr kontrollieren. Aus den späteren Kriegsjahren kann der Chronist ein Beispiel dafür anführen, wie Spenden mißbräuchlich verwendet wurden. Er lag damals bei der Infanterie nordwestlich von Moskau bei Kalinin (Twer) an der Wolga. Wir trugen nur die Bekleidung, mit der wir im Sommer nach Rußland einmarschiert waren. Nach 100 km fluchtartigem Rückmarsch lagen wir nun irgendwo im Schnee, mußten erst wieder eine Stellung aufbauen und  dabei Kältegrade von – 40° und kälter und tagelange heftige Schneestürme über uns ergehen lassen. Dazu die ständigen Angriffe der Russen, die aufs beste mit Winterbekleidung ausgestattet waren. In der Heimat wurde zum Spenden von warmer Winterbekleidung aufgerufen. Damals war die Spendenfreudigkeit für das Ostheer noch groß, und es ist sicherlich viel warme Bekleidung zusammengekommen. Bei uns vorne in unseren Erdlöchern, die wir in den gefrorenen Boden gehackt hatten, kamen davon an ein Kinderpullover und ein Paar Kinderhandschuhe. Alles andere war offensichtlich irgendwo auf dem Transport hängengeblieben.

    Doch zurück nach Petkum: Gestalten, deren Dasein bislang als selbstverständlich angesehen worden war und die, wenn sie auftauchten, das Dorfbild und Dorfleben sogar bereicherten, verschwanden still und heimlich. Schon im Sommer 1933 gab es jene Tippelbrüder nicht mehr, die als Langzeitarbeitslose auf den Straßen unterwegs waren. Bei gutem Wetter übernachteten sie bei „Mutter Grün“, bei schlechtem Wetter fanden sie z. B. ein Unterkommen in der „Herberge zur Heimat“, die es auch in Emden gab. Mitunter erhofften sie für einfache Musikdarbietungen, für ein Mundharmonikaspiel oder ein gesungenes Lied eine kleine Gabe. Sie nahmen auch ein Margarinebrot an oder bettelten nur. Wenn sie gefragt wurden, erzählten sie oftmals auch gerne von ihrem Herkommen und ihrem Lebensweg. Ob ihre Erzählungen stimmten, konnte niemand nachprüfen. So wird sicherlich auch manche Schilderung ihrer Phantasie entsprungen sein. Jedenfalls hatten sie bislang einen „Hauch der weiten Welt“ in das einfache Dorfleben gebracht.

    „Die Juden sind unser Unglück!“ war ein Schlagwort der Nazis. In Petkum wohnte keine jüdische Familie. Aber jüdische Viehhändler aus Emden, die früher bei den Bauern im Dorf Vieh gekauft und verkauft hatten („Givt dat ok wat in de Handel?“), tauchten nicht mehr auf. Mir fällt da der Name Windmüller ein. Jüdische Schlachter, die früher mit dem Fahrrad von Emden her ins Dorf gekommen waren, dort von Haus zu Haus Bestellungen gesammelt und am nächsten Tag ausgeliefert hatten, durften ihr Gewerbe nicht mehr ausüben. Ich denke da an die Schlachterfamilie van der Wyk, de lüttje und de groode van der Wyk. Herr Müller von der Firma „Müller und Silberschmidt“ aus Oldersum durfte keine Textilien mehr bei seinen Kunden im Dorf verkaufen. Auch manche bizarre Gestalt, die im Jahreslauf immer wieder einmal im Dorf auftauchte, erschien nicht mehr. Der alte Salomons aus Norden gehörte dazu, der mit seinem in Wachstuch gewickelten Stoffballen auf der Schulter von Tür zu Tür zog. Er blieb aus.

    Für die berufliche Existenz sehr bedeutsam wurde bei Angestellten, Beamten und auch bei den Inhabern öffentlicher Ämter der Nachweis der sogenannten „arischen Abstammung“. Das Ziel dieser Aktion war es, alle Nachkommen, die in den vorhergehenden Generationen einen oder mehrere jüdische Vorfahren hatten, aus dem öffentlichen Dienst zu entfernen. Der Volksmund funktionierte „hinter vorgehaltener Hand“ diesen Nachweis um in die Suche nach der „arabischen (statt arischen) Großmutter“. Mancher „Volksgenosse“ wurde durch diesen Zwang darauf gebracht, sich überhaupt einmal mit seinen Vorfahren zu beschäftigen, fand Gefallen an diesen Forschungen und bemühte sich nun, seinen Stammbaum möglichst weit in die Vergangenheit hinein zu erforschen. Wenn der „arische Nachweis“ nicht erbracht werden konnte, wurde der Betroffene als „Halb- oder Vierteljude“ aus seinem Dienst entlassen oder mußte sein öffentliches Amt aufgeben. Das war bitter, und es kam auch in kleinen Dörfern vor. Wie ein Akt ausgleichender Gerechtigkeit mutete es gelegentlich an, wenn von dieser Aktion auch alte Nationalsozialisten betroffen wurden, die bislang überzeugte Parteigänger ihres Führers gewesen waren und nun gehen mußten.

    Die Pastoren und Standesbeamten stöhnten unter der Flut von Anfragen nach den Voreltern, Anfragen, die nicht immer präzise waren und ein Suchen und Forschen in den Unterlagen und dann die Ausstellung von Urkunden erforderlich machten. Für diese mußte eine festgesetzte Gebühr gezahlt werden.

    Doch zurück in das Alltagsleben in jenen Tagen.

    In den ersten Nazijahren gab es noch jüdische Geschäfte in Emden, z. B. Wolff und Valck, die preisgünstig qualitativ gute Waren anboten und bei denen auch Arbeiterfamilien aus Petkum deswegen gerne kauften. Nun wurde es gefährlich, dort Kunde zu sein. Denn die Partei forderte dazu auf, diese Geschäfte zu boykottieren. SA-Leute, auch aus den Dörfern rund um Emden, standen vor den Ladentüren mit der plakatierten Aufforderung „Kauft nicht bei Juden!“ Kunden, die trotzdem in diese Geschäfte zu gehen wagten, wurden registriert. So wurden schon vor der Reichskristallnacht und der späteren Deportation der jüdischen Mitbürger beharrlich Zwänge ausgeübt, die auf die Dauer bei vielen Menschen ihre Wirkung nicht verfehlten. Über das weitere Schicksal der Juden nach ihrem Abtransport wurde in der Bevölkerung wohl getuschelt, und zwischen Menschen, die sich vertrauen konnten, wurden auch bohrende Fragen gestellt. Aber Sicheres wußte im Dorf eigentlich niemand. Alles war Gerücht und Vermutung.

    Zigeunerwagen rollten nicht mehr durch das Dorf zum Lagerplatz vor dem Deich am Siel. Dort hatten früher die Frauen am offenen Feuer ein Lagerleben entfaltet, während die Männer vielleicht mit einem Tanzbären durch die Dorfstraßen zogen, ihn tanzen ließen und dafür eine Gabe erhofften. Es konnte auch ein junges dunkles Mädchen im bunten Flitter sein, das den brummenden Bären, der einen Maulkorb trug, zwang, nach den Rhythmen eines Tamburins sich zu wiegen. Die Drehorgelmänner mit ihren possierlichen, aber bedauernswerten Affen, die auf dem Instrument hockten und durch ihr Tun die Zuschauer belustigen sollten, wurden selten. All diese Gestalten hatten einen Hauch aus einer anderen exotischen Welt in das einfache ländliche Leben gebracht. Das war nun vorbei.

    „Stramm! Stramm! Alles über einen Kamm!“ lautete nun die neue, die alte Parole. Das Dorf bekam einen Adolf-Hitler-Platz. Er lag an der Hohen Straße auf dem „Brauereejtuun“ dort, wo früher der 100jährige Kastanienbaum gestanden hatte. Auf dem Platz wurde aus kleinen Findlingen eine große Rednertribüne erbaut, die fast die Ausmaße einer Dorf-Theaterbühne hatte und deren ebenfalls aus Findlingen gemauerte Rückwand mit einem großen Hakenkreuz geschmückt war. Sicherlich hat es große Mühe gemacht, nach dem Kriege, als der Platz bebaut werden sollte, das „Denkmal“ wieder abzureißen. Neben dem Platz wurde ein SA-Heim eingerichtet. Das Oberlicht über der Tür trug diese Beschriftung. Sie konnte, weil sie von hinten erleuchtet wurde, auch in der Dunkelheit gelesen werden. Eines Abends, während dort die SA-Männer beisammen waren, wurde diese Scheibe durch ein Wurfgeschoß zertrümmert. Der Chronist erinnert sich: Es gab eine große Aufregung auf der Straße, ein heftiges Gerenne und ein hastiges Gesuche. Aber der Täter ist nicht gefaßt worden. Der Chronist hat auch nicht erfahren, daß sich nach der Kapitulation jemand zu dieser Tat bekannt hat. Vielleicht ist der Werfer im Kriege gefallen. Wer weiß das?

    Am Anfang des 2. Weltkrieges waren in Petkum Soldaten in Privatquartieren untergebracht. Die Kammer befand sich im Konfirmandensaal. Später fanden in der Muhde und auf dem Vorland Landeübungen statt, bei denen der Eindruck entstand, sie seien Vorbereitungen für eine Landung an der englischen Küste. Als vermehrt feindliche Bomber einflogen, wurde zwischen dem Dorf und Petkumer Münte eine Flak-Batterie aufgebaut. Bei den vielen Bombenabwürfen in den Kriegsjahren blieb das Dorf zum Glück von Bombentreffern verschont. Es fielen wohl einzelne Bomben in der Umgebung. Einmal wurden bei einem Bombenteppich, der im Hammrich abgeworfen wurde, viele Kühe auf der Weide getötet. Ein Bauernhaus ging, wohl durch Tieffliegerbeschuß, in Flammen auf. Aber das Dorf wurde nicht getroffen.

    Nach der Eroberung und der Besetzung vieler Länder in Europa kamen besonders aus dem Osten Fremdarbeiter als Arbeitskräfte zu den Bauern ins Dorf. Sie wurden, so hat sich der Chronist erzählen lassen, nicht immer menschenwürdig und nach ihren Arbeitsleistungen behandelt. Ein Pole ertrank beim Baden und wurde auf dem Petkumer Friedhof begraben. Die Teilnahme an der Beerdigung wurde als unerwünscht angesehen und registriert.

    In den letzten Kriegswochen, als die Alliierten sich von Holland her durch das Rheiderland der Ems näherten, verließen viele Familien Petkum und brachten sich in den Geestdörfern im Innern Ostfrieslands in Sicherheit. Sogar auf dem Schiff von Ubben wurde eine ganze Ladung Menschen auf dem Wasserweg in die Geestdörfer transportiert. Aber einige Familien, darunter auch meine Eltern, mein Großvater und unsere Mietsleute, blieben doch im Dorf und versorgten, soweit das möglich war, die ebenfalls zurückgebliebenen Haustiere mit Futter. Diese Zurückgebliebenen konnten später ausführlich über das Geschehen der letzten Kriegstage berichten. Als die alliierten Truppen im Rheiderland das Westufer der Ems erreicht hatten, wurde Petkum von dort her mit leichter Artillerie beschossen. Einige Treffer in Häusern, darunter in meinem Nicht-Nazi-Elternhaus, richteten großen Schaden an und waren wegen Materialmangel nur schwer zu reparieren.

    Das Dorf wurde auf der Landstraße von Oldersum her durch Kanadier besetzt, ohne daß irgendwelche Gewalttaten vorkamen. Die Soldaten besorgten sich in einigen Privathäusern Quartier, in der Regel in solchen, deren Bewohner geflüchtet waren. Natürlich wurden dort aus der Sicht der später zurückkehrenden Hausbewohner Schäden angerichtet. Nach Landserart wurde manches verbrannt, Mobilar wurde beschädigt oder ausgetauscht und verschleppt und später irgendwo in anderen Häusern wiedergefunden. Aber es bestand für die Soldaten Verbrüderungsverbot, und Übergriffe von ihnen auf Dorfbewohner sind, soweit ich weiß, nicht geschehen. Mit dieser Besetzung waren für Petkum die Nazizeit und der Krieg vorbei.

    Daß es auch damals schon Wendehälse gab, bekundet eine kleine Geschichte, die hier abschließend erzählt werden soll: Ein als alter und überzeugter Nazi bekannter Petkumer stand nach der Kapitulation mit einigen Nachbarn zu einem „Prootje“ beisammen, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Als das Gespräch auf die kommenden Zeitläufe und auf die Besatzer kam, äußerte er sich dazu im Brustton der Überzeugung: „Junge nee, de olle Nazis, wat mögen de nu de Bücksen wall vull hemmen!“ Er mußte es ja wohl wissen.
     

    Das bittere Ergebnis des 2. Weltkrieges für Petkum
     55 Gefallene 1 Vermißter


    Einige Einwohner wurden bei Bombenangriffen auf Emden dort getötet.

    Viele Soldaten aus Petkum sind während des Krieges leicht oder schwer verwundet worden. Sie haben noch viele Jahre lang bis heute hin unter den Folgen ihrer Verwundung zu leiden gehabt. Eine Reihe von Petkumern war in Gefangenschaft geraten. Einige von ihnen sind erst als Spätheimkehrer in ihr Dorf zurückgekommen.

    Die Namen aller Toten stehen auf dem 1974 errichteten Denkmal am neuen Friedhof. Viele Namen für ein kleines Dorf. Sie sollten mahnen: Nie wieder Krieg!

     

      • Aber: „Weil die Toten schweigen,
        beginnt alles wieder von vorn.“ (Gabriel Marcel)

    Von der totalen Niederlage 1945
    bis zur heutigen Wohlstandsgesellschaft 

     

    Die Versorgungslage der Bevölkerung in Deutschland war während des Krieges mäßig. Aber sie konnte von den Behörden dadurch aufgebessert werden, daß die Volkswirtschaften der von der Wehrmacht eroberten und besetzten Länder ausgeplündert wurden. Außerdem waren die Deutschen schon seit der Wiederaufrüstung durch die Parole „Kanonen statt Butter“ auf Verzicht hin trainiert worden.

    Schon während des Krieges waren alle Lebensmittel und die meisten Bedarfsgüter rationiert und wurden auf Karten zugeteilt. Die eigentliche Hungerzeit begann erst nach Kriegsende. Die auf Marken zugeteilten Lebensmittel waren nun Hungerrationen, die allein zum Leben nicht ausreichten. Hinzu kamen die Mangellage bei Bekleidung und Schuhzeug und im Winter der Kältenotstand. Es fehlte an Feuerung, und es durfte nur eine zugeteilte Menge an Strom verbraucht werden, der auch noch oft abgeschaltet wurde. Aber die Menschen in den Dörfern, auch in Petkum, waren durch Gemüseanbau und Viehhaltung immer noch besser versorgt als die in den Großstädten.

    In Petkum gab es damals viele Schafe. Sie gaben Milch und Butter, Wolle und Garn, Fleisch und Talg. Alte Spinnräder aus Großmutters Zeiten wurden vom Boden geholt und wieder in Gang gesetzt, wenn noch jemand da war, der die Kunst des Spinnens beherrschte. Oft wurde „tö `n Halven“ gesponnen. Das heißt: Jemand, der ein Spinnrad besaß und spinnen konnte, aber keine Wolle hatte, spann für jemanden, der Wolle hatte, aber kein Spinnrad besaß, und durfte dann als Lohn die Hälfte des gesponnenen Garns behalten.

    Wenn die Schafe im Sommer nachts auf der Weide blieben, kam es immer wieder vor, daß ein Tier gestohlen oder gar auf der Weide abgeschlachtet und das Fleisch dann abtransportiert wurde. Das war schlimm: Oft bestahl der kleine Mann den kleinen Mann. Ließ die Lage des Hauses es zu, wurde damals wohl auch einmal ein Schwein oder Schaf schwarz geschlachtet. Das heißt: Es wurde heimlich geschlachtet, damit Fleisch und Fett nicht bei der Lebensmittelzuteilung berücksichtigt werden mußten. Natürlich zog das, wenn es entdeckt wurde, eine Bestrafung nach sich. Aber auch damals galt: „Wo kein Kläger ist, da ist auch kein Richter.“ Und: „Wir sind allzumal Sünder.“ Manches Geschehen war eine Art Notwehr. Denn wer nur von den Zuteilungen leben mußte, war ständig in Gefahr zu verhungern.

     

    Viele Familien bemühten sich, mit dem einfachsten, auch in früheren Notzeiten schon bewährten Futter (im Holztrog mit dem Spaten zerhackte Disteln oder Strandasterblätter, Entenflott von den noch nicht vergifteten Gräben, kleinen Kartoffeln und Runkelrüben) ein Schwein großzuziehen. Von „mästen“ konnte bei dieser Futterzusammenstellung nicht die Rede sein. Nach der Schlachtung wurde das Fleisch auf die Fleischmarken angerechnet. Im ganzen ergab die Hausschlachtung natürlich einen kleinen Vorteil. Sonst hätte sich alle Mühe mit der Aufzucht gar nicht gelohnt. Für Festlichkeiten wurde Schnaps aus Kartoffeln schwarz gebrannt. Raucher bauten ihren Tabak im eigenen Garten an und hatten ihre eigenen Rezepte, ihn aufzubereiten. Das Leben lebte auch in jenen Jahren. Aus dem Ruhrgebiet kamen Scharen von Hamsterern in die ostfriesischen Dörfer. Die Eisenbahn brachte sie ins Land. Und so bot sich auch der Bahnhof Petkum als Aussteigestation an. Die Bergleute im Kohlenpott bekamen als Schwerstarbeiter „schwarzen Tee“ zugeteilt. Der war in Ostfriesland sehr begehrt. Da man ihn nicht selbst produzieren konnte, wurde er von den Menschen aus dem Ruhrgebiet gegen Speck oder Butter eingetauscht. Er war beim Tauschhandel in Ostfriesland die Hauptwährung wie in den Großstädten die Ami-Zigarette.

    Hamsterfahrten waren oft verwegene Unternehmen. Da das Hamstern verboten war, mußten die Hamsterer immer befürchten, daß ihnen bei Polizeikontrollen im Zug oder auf den Bahnhöfen ihre eingetauschten „Schätze“ abgenommen würden. Es gibt abenteuerliche Geschichten darüber, wie die eingetauschten Lebensmittel durch die Kontrolle gebracht worden sind. Vielleicht hat gelegentlich auch einmal ein menschenfreundlicher Kontrolleur nicht allzu genau hingesehen. Das war allerdings nicht die Regel. Denn der Chronist hat es erlebt, daß die deutsche Polizei scharf kontrollierte, während englische Soldaten dabeistanden und sich darüber amüsierten. Feststeht, daß nur durch den „schwarzen Markt“ und durch den Tauschhandel viele Menschen diese Hungerzeit überstanden haben und sich das Existenzminimum an Nahrung sichern konnten.

    Für manche Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten war nach einer langen und schweren Irrfahrt Petkum die Endstation. Durch sie stieg die Einwohnerzahl sprunghaft an. 1946 wurden 135 Personen aufgenommen. Für alle Neubürger mußte Wohnraum beschafft werden. Da die Anzahl der Häuser nicht vermehrt werden konnte, ging das nur dadurch, daß bei den Einheimischen dort, wo die Lage der Zimmer und die Größe der einheimischen Familie es zuließen, Räume beschlagnahmt wurden. Häufig mußte das natürlich gegen verständlichen Widerstand geschehen. Es gab mancherlei Verbitterung und wohl auch böses Blut. Damals wohnten in vielen Einfamilienhäusern mindestens zwei Familien, die menschlich nicht immer zusammenpaßten. Doch nachdem Einheimische und Fremde sich näher kennengelernt hatten, gewöhnte man sich aneinander. Die Zeit heilte manche anfängliche Verwundung. Es dauerte nicht lange, bis im Dorf zwischen Ostfriesen und Zugezogenen erste Ehen geschlossen wurden und in der Dorfgemeinschaft für Blutsauffrischung sorgten.

    Auch die Schule mußte mit dem Zustrom an neuen Schülern fertig werden. Im Gegensatz zu den Befürchtungen der Liebhaber der plattdeutschen Sprache, diese könnte nun unter dem „Ansturm“ anderer Dialekte in Gefahr geraten zu verschwinden, lernten die zugezogenen Kinder es sehr schnell, plattdeutsch zu sprechen. Sie waren darin bald nicht mehr von den Einheimischen zu unterscheiden. Wirklich in Gefahr geraten ist das Plattdeutsche erst, seitdem bei uns der Wohlstand ausgebrochen ist. Von da an hat sich bei vielen Eltern, die selber noch plattdeutsch aufgewachsen sind, die törichte Meinung gebildet, das Niederdeutsche sei eine minderwertige Sprache und könnte das Hochdeutsch ihrer Kinder verderben und dadurch deren „sozialen Aufstieg“ behindern.

    Nach der Währungsreform ging es mit der Wirtschaft bergauf. Schlagartig tauchten mit dem neuen Geld auch in Ostfriesland in den Läden Waren auf, die es seit Jahren nicht mehr gegeben hatte. Sie mußten schon in Erwartung der Währungsreform produziert und dann im Lager zurückgehalten worden sein. Die Wohnverhältnisse änderten sich allerdings nur langsam. Denn Fertighäuser auf Lager gab es damals noch nicht.

    Aber mit wachsendem Wohlstand wuchs auch in Petkum die Bautätigkeit. Die alten Häuser im Dorf wurden renoviert oder modernisiert. Manche längst fällige Reparatur, die bisher aus Geld- oder Materialmangel unterblieben war, wurde nun nachgeholt. Bei der Modernisierung wurden allerdings immer wieder schöne alte gewachsene und überlieferte Bauzusammenhänge zerstört. Bei neu eingesetzten Bauelementen, z. B. bei Fenstern und Türen, wurde nicht immer ein guter Geschmack bewahrt. Manches geriet zu protzig, vielleicht als Reaktion auf die Mangelzeit. Einige sehr klar und eindrucksvoll gestaltete Häuser wurden sogar abgerissen.

    Das malerische „Lank Treej“, über das seit Jahrhunderten ein Fußweg auf dem Deich nach Emden geführt hatte, war schon in den ersten Nachkriegsjahren verfallen. Die Reste wurden vom Sielstrom mitgerissen und trieben durch den Siel in die Muhde. Die schöne Petkumer Mühle, die durch Jahrhunderte zum Dorfbild und zur Dorfsilhouette gehört hatte, wurde 1955 abgerissen. Der Eigentümer konnte die Kosten für Reparaturen, die durch Sturmschäden notwendig geworden waren, nicht mehr tragen. Heute wünschen Behörden und Dorfbewohner sich diese verlorenen Bauwerke als markante Denkmäler wieder ins Dorfsbild zurück. Verfallendes läßt sich restaurieren. Aber dem völlig Zerstörten fehlt, selbst wenn es wieder in alter Gestalt aufgebaut werden würde, die Atmosphäre des darin und damit gelebten Lebens.

    Für die Pflasterung der Dorfstraßen gilt das wohl nicht so. Noch nach dem Kriege hatten einige Dorfstraßen und Lohnen die alte Pflasterung mit kleinen Flinten an beiden Seiten und dem Klinkerpfad in der Mitte. Sie wurde herausgerissen und durch graue Zementsteine ersetzt. Wo die vielen Flinten geblieben sind, weiß ich nicht. Nun soll im Rahmen der Dorferneuerung die alte Pflasterung wieder hergestellt werden. Durch den Tritt der vielen Füße, die es begehen werden, und durch die kleinen Pflanzen, die sich in den Ritzen ansiedeln werden, wird dieses Pflaster sicherlich bald wieder eine gewisse Patina gewinnen. 1997: Bei der Dorferneuerung sind die Dorfstraßen in voller Breite mit roten Steinen gepflastert worden.

    Petkum breitete sich aus. Neues Bauland wurde zwischen dem Tief und dem Klappweg, zwischen dem Westerweg (heute: Zum Bind) und dem Widdelswehrster Grenzgraben und bei Vierhausen am Lüttje Weg zwischen der alten Deichlinie und der Landstraße ausgewiesen. Am Anfang wurden nach überkommenem Muster noch einfache Häuser gebaut mit einem Gemüsegarten, mit Obstbäumen und Beerensträuchern. Mit wachsendem Wohlstand wurden die Häuser immer aufwendiger. Sie liegen heute umgeben von Rasenflächen und Blumenbeeten, hinter Bäumen und Büschen versteckt, ohne Nutzgarten im Grünen. Irgendwann wurde es nicht mehr als sich lohnend angesehen, die Mühe auf sich zu nehmen, sein Gemüse selbst anzubauen und Nutztiere, Schafe, Schweine und Hühner zu halten. Man konnte alles kaufen. Und der wachsende Verdienst gab auch das Geld dazu.

    Ein Opfer dieser Entwicklung wurde der Kleingartenbauverein Petkum. Er fand keine Pächter mehr für seine früher sehr begehrten Äcker auf dem Kleikamp, am Kanal und auf jenem Stück Land im Hammrich, dem der Volksmund den Namen „Freudental“ gegeben hatte. Jahrzehntelang, in Zeiten der wirtschaftlichen Not und der Arbeitslosigkeit, im Frieden und im Krieg hatten fast alle Petkumer Einwohner auf diesen Äckern den Hauptteil ihrer täglichen Nahrung geerntet. Die Äcker waren sehr begehrt, und bei frei werdenden war die Nachfrage so groß, daß es mitunter fast zum Streit darum kommen konnte. Nun gab es keine Nachfrage mehr, und der Verein mußte aufgelöst werden. Ein früher bedeutsamer Bereich des dörflichen Lebens wurde damit aufgegeben. Die Kinder wachsen heute nicht mehr wie früher in die Erfahrungen hinein, die Generationen aus der Arbeit auf diesen Äckern gewonnen hatten und die zum inneren Besitz der Dorfbewohner gehörten. Es gibt allerdings auch heute noch Petkumer, die wenigstens beim Haus an der alten Wirtschaftsform des Obst- und Gemüsegartens festhalten. Auch das muß gesagt werden. Sie setzen noch die alten Erfahrungen ein.

    Mancher Bauherr dieser Neubauzeit ist noch in seiner Kindheit zusammen mit vielen Geschwistern in einer Arbeiterwohnung aufgewachsen. Diese bestand aus einer Küche mit zwei Butzen, einem kleinen Stall für Schwein und Schaf und Bodenraum für Heu und Torf. Die Toilette befand sich oftmals noch draußen in einem Häuschen mit Herz in der Tür. Heute nun lebt er mit seiner Familie in einem Neubau. Dort ist er umgeben von einem Komfort, den er sich als Kind gar nicht hat vorstellen können, weil er überhaupt nicht wußte, daß es ihn gab. Diese Steigerung der Wohnqualität ist eine erfreuliche Entwicklung. Nur sollten die Menschen nicht vergessen, unter welch einfachen Verhältnissen auch schon früher ein sinnvolles Leben geführt wurde. Sie sollten „de Middelskott in de Nöse hollen“, das Erreichte genießen und nicht durch immer neue Begehrlichkeiten Unfrieden im eigenen Gefühlsleben wecken.

    1954 ließ das Dorf auf Vierhausen eine moderne geräumige Schulanlage bauen. Daneben wurde ein Lehrerwohnhaus errichtet, ein weiteres Haus als Lehrerwohnung erworben. Das war auch finanziell ein mutiges Unternehmen und sollte die Unterrichtssituation im Dorf entscheidend verbessern. Aber nur einige Jahre lang besuchten alle schulpflichtigen Jahrgänge den Unterricht in diesem Haus. Dann wurden Mittelpunktschulen eingerichtet und ganze Jahrgänge mit Bussen in entfernt liegende Schulen gekarrt. Das hat viel Unruhe gebracht und erfüllte nicht die Wünsche aller Eltern: Schon vor dem Unterricht laden sich die Kinder im Bus auf, und auf der Heimfahrt reagieren sie ihre gestauten Aggressionen ab. Das Innere der Busse legt davon oft Zeugnis ab. Manche Eltern hätten gerne den alten Erfahrungssatz weiterhin verwirklicht gesehen, daß man Schule und Kirche im Dorf lassen soll.

    Das neuerbaute Lehrerhaus wurde bis 1976 bewohnt. 1978 wurde in ihm ein Kindergarten eingerichtet. Das war eine gute Lösung und ist ein Fortschritt für das soziale Dorfleben.

    Was wurde aus den vorhandenen Schulgebäuden? Die „olle Skööle“, in der die älteren Petkumer noch ihren ersten Unterricht vier Jahr lang bekommen haben, war nun rund 120 Jahre alt. Die in ihr gelegene Lehrer- und Organistenwohnung wurde noch einige Jahre lang als Küsterwohnung genutzt. Dann wurde das Gebäude abgebrochen und der Platz eingeebnet. Die „neeje Skööle“ blieb erhalten. Im Erdgeschoß befanden sich bis zur Auflösung des Ortsrates 1996 die Räume des Petkumer Rathauses. Heute steht das Haus dem Petkumer Bürgerverein zur Verfügung.

    Der alte Petkumer Friedhof erstreckt sich auf der Kirchwarf rund um die Kirche. Er ist sicherlich so alt wie ihr ältestes Mauerwerk, sogar älter, wenn es als Vorgängerin eine Holzkirche gegeben hat. Wer ihn betritt, sollte einmal bedenken, daß fast alle Petkumer, die durch mehr als ein Jahrtausend an diesem Siedlungsplatz gelebt haben, in seiner Erde ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, dort wieder zu Erde geworden sind und heute noch substanzmäßig in dieser Erde enthalten sind, über die unsere Füße gehen. Wahrscheinlich ist, daß früher nur die West- und Südseite als Friedhof benutzt worden sind. Dort befinden sich z. B. die Begräbnissstätten der alten Bauernfamilien. Auf der Nordseite  des Chores, durch eine Tür mit ihm verbunden, lag die erste Petkumer Schule, von der wir wissen. Sie wurde 1835 abgebrochen. Zur Schule hat sicherlich die Fläche bis zum Turm als Schulhof gehört.

    Über den Friedhof führen die Wege zu den Kirchtüren in der Nordwand hin. Auf den einzelnen Gräberfeldern gibt es zwischen den Ruhestätten keine Wege. Grab stößt an Grab. Darum sind viele nur schwer zugängig. Bei Beerdigungen ergaben sich dadurch immer wieder Schwierigkeiten. Bei wachsender Bevölkerungszahl wurde außerdem der Platz auf dem Friedhof eng.

    So wurde nach harten Verhandlungen mit Kirchenbehörden, die die Notwendigkeit eines neuen Friedhofes nicht einsehen wollten, erreicht, daß 1974 östlich des Dorfes bei Vierhausen auf der Sohle des abgegrabenen alten Deiches ein neuer Friedhof angelegt werden konnte. Er hat den Vorteil, daß er noch erweitert werden kann. Seine Lage  im Verlauf des Schlafdeiches, der in vergangenen Jahrhunderten das Dorf gegen Sturmfluten geschützt hat, erlaubt den Gedanken, daß die Petkumer Toten auch jetzt wieder in einer Erde ruhen, die in der Dorfhistorie Bedeutung gehabt hat.

    1989 wurde auf dem Friedhof mit sehr viel Eigenhilfe aus der Gemeinde eine Leichenhalle gebaut. Durch sie ist es möglich geworden, die seit Jahrhunderten übliche Aufbahrung der Toten in der Familienwohnung mit ihren Vor- und Nachteilen zu vermeiden, wenn es gewünscht wird. Später wurde in die Aufbahrungsvorrichtung der Halle noch eine Kühlanlage eingebaut.

    Es hat lange gedauert, bis nach Fertigstellung der Eisenbahnstrecke Leer – Emden auch Petkum Haltestelle wurde. Irgendwann gegen Ende des 19. Jahrhunderts war es dann soweit. Das genaue Jahr konnte noch nicht festgestellt werden. Anfangs wurde der Bahnhofsbetrieb in einem Bahnwärterhaus nördlich der Bahn eingerichtet. 1908 wurde dann das Bahnhofsgebäude gebaut. Über diesen Bahnhof wurde nicht nur der Bahnverkehr (Personen und Fracht) für Petkum, sondern auch für mehrere Rheiderlanddörfer abgewickelt.

    Nach dem 2. Weltkrieg änderten sich durch das Auto die Verkehrsströme. Der Individualverkehr nahm immer mehr zu. 1984 verlor der Bahnhof auch noch seine letzte Funktion im Bahnbetrieb als Blockstelle. Vorher war das Gebäude schon verkleinert worden. Nun wurde es verkauft und zum Privathaus umgebaut. Dafür hielten die Busse der Bahnbuslinie Emden – Leer im Dorf. Zusätzlich richtete 1977 im Vorortverkehr die Firma Auto-Fischer eine Buslinie Petkum – Harsweg ein. Der heutige Zustand ist für die nicht motorisierten Dorfbewohner wesentlich bequemer als der frühere. Die Busse verkehren in kurzen Abständen. Der lange Weg zum Bahnhof braucht nicht mehr gegangen zu werden. Er war früher besonders bei schlechtem Wetter eine große Belastung. Im Verkehrsbereich haben die Jahre also einen echten Fortschritt gebracht.

    Ein anderer Bereich des alten Dorflebens hingegen ist durch das Auto völlig verwandelt und zuletzt zerstört worden, das Geschäftsleben. Ich will erzählen, was es in meiner Kindheit um 1930 an Geschäften und Gewerben in Petkum gab. Damals wurde in fünf Kolonialwarenläden die Kundschaft bedient: Es gab Barfs in der Krugstraße, Fulde an der Ecke Hohe Straße – Landstraße. Der Laden von Reemts lag in der Hohen Straße – Lohne, Wallenstein, später Achtermann, in der Fährstraße und Wübbena an der Ecke Krugstraße – Karkstraat. In dem Haus Fulde befand sich auch die Poststelle, die durch Jahrzehnte von Frau Sophie Fulde, geb. Dyken, betreut wurde. Postbote war lange Jahre H. Kettwig.

    Als Kleinladen für Kurzwaren, Süßigkeiten und am Wochenende für frisch geröstete „Ültjes“ bot sich noch „Geesmöh“ (Geeske Poppen) an der Hohen Straße an. Die Tochter Geeske machte mit einem Korb mit Kurzwaren im kleinen Handwagen Hausbesuche und versuchte auf diese Weise, den Umsatz zu steigern. Drei Bäcker boten ihr Brot an: Ulfert Michaelsen in der Hohen Straße, Focke Schmidt an der Landstraße und zeitweise Schoof in der Mühle. Die Backwaren von Schoof wurden zudem von Hauke Klaaßen mit „Jück un Körven“ im Dorf von Haus zu Haus angeboten. Außerdem kam noch ein Brotwagen von auswärts. Ein Gemüsewagen aus Jarssum, Betreiber Kramer, bot Obst und Gemüse an. Im Rhythmus der jahreszeitlich bedingten Fänge kamen die Ditzumer und Pogumer Fischfrauen schon früh morgens mit der Fähre über die Ems und boten von Tür zu Tür mit „Jück un Körven“ ihre Waren an: Granat, grüne Heringe, lebenden Dollartbutt, Stinte, Aale und was sonst gefangen worden war. Oder der Gemeindediener ging mit der Glocke durchs Dorf und bot nach fleißigem Klingeln als Ausrufer an: "Heerns un Butt bi de Siel. Stiege `n Grosken.“ So billig waren die Heringe. Dann lag dort ein Kutter und verkaufte von Bord aus.

    Drei Schuster reparierten das Schuhzeug und flickten für die Bauern das Pferdegeschirr: van Hove an der Hohen Straße, Hilko Klaaßen in einer Bodenkammer seines Elternhauses an der Landstraße und Wiltfang an der Fährstraße, der auch einen kleinen Schuhladen betrieb. Zwei Schneider sorgten für Bekleidung: Brandt oben im Hause Reemts, Wortelker in der Krugstraße, dessen Tochter zudem Damenschneiderin war. Außerdem wohnte Schneider Barth im Dorf, der in Emden seinen Arbeitsplatz hatte.

    Einfache Malerarbeiten wurden oft in Eigenarbeit erledigt. Ansonsten standen als Malermeister im Dorf zur Verfügung Hero Michaelsen und später Georg Jaspers und sein Geselle Cornelius Fischer. Fachmann für Elektrizität und für landwirtschaftliche elektrische Geräte war Arend Cobi in der Hohen Straße. In zwei Schmieden standen die Männer am Amboß, bei Snakker im ehemals Lüchtschen Haus und bei Donker an der Landstraße. Später kam noch ein Stellmacher hinzu. Gerd Reemts, Marten Drewel und Diedrich Reinders waren Maurer- und Zimmermeister. Sie bauten Häuser und zimmerten auch für manchen Petkumer sein letztes Haus, den Sarg. Aber auch kleine Reparaturen führten sie aus und haben manche Ausbesserung an alten Häusern vorgenommen. In drei Gaststätten konnten die Petkumer ihren Durst stillen, bei Slis an der Brücke, bei Marten Drewel an der Landstraße und bei Niklaas Hildebrands im „Gasthof zur Fähre“ am Siel.

    Mit wachsender Mechanisierung der Landwirtschaft änderten sich die Anforderungen der Bauern an die Handwerker. Nicht mehr der Schmied und der Stellmacher wurden für Hufbeschlag und Wagenbau beansprucht, nicht mehr der Schuster für Reparaturen am Pferdegeschirr, sondern der Mechaniker, der sich mit den landwirtschaftlichen Maschinen und dem Trecker auskannte.

    Als sich in den Jahren des Wohlstandes immer mehr Petkumer ein Auto anschafften, gewannen sie damit eine neue Beweglichkeit und änderten unter vielen anderen auch ihre Einkaufsgewohnheiten. Nun wurde nicht mehr in den Petkumer Läden eingekauft,

     

    in denen es als Zugabe das gemütliche Gespräch und die letzten Dorfneuigkeiten gab. Die Petkumer verlagerten ihren Einkauf nach Emden in die Supermärkte, die dort von den verschiedenen Ladenketten eingerichtet worden waren und billiger verkaufen können, weil sie billiger einkaufen. Im Laufe der Jahre schloß ein Petkumer Laden nach dem anderen, bis 1990 als letzter Laden Reemts-Wübbena-Steinmann dichtmachte. Dieser neue Zustand ist wenig erfreulich für die Dorfbewohner, die kein Auto haben, besonders für ältere Menschen. Denn auch die müssen nun vieles in Emden einkaufen und im Bus nach Petkum schaffen. Zwar gibt es noch einen Schlachterladen und einen Gemüseladen, die es beide früher nicht gegeben hat, weil die Leute alle selbst schlachteten und ihr Gemüse selber zogen. Und eine Bäckerei gibt es auch noch. Ebenfalls ein Wollgeschäft und einen Malermeister mit einem Farbenladen, der auch Geschenkartikel anbietet. Aber in diesen Läden lassen sich doch nicht alle Bedürfnisse an Lebensmitteln befriedigen, selbst wenn das Angebot in ihnen über den eigentlichen Fachbereich weit hinausgeht. Bei den Einkaufsmöglichkeiten im Dorf ist also ein großer Rückschritt festzustellen. Auch die letzte Schmiede hat ihren Betrieb eingestellt.

    Zur Lage des Sports in den Jahrzehnten seit Kriegsende:

    Die alte Petkumer Schule mit ihren zwei Gebäuden hatte keine Möglichkeit, planmäßig Leibeserziehung zu betreiben. In meiner Schulzeit standen auf dem Schulhof zwischen den Gebäuden zwei Pfähle, die als Halter einer Reckstange dienen konnten. Diese wurde ein paarmal im Sommer eingehängt, um an ihr Klimmzüge zu üben. Meistens stellte der Lehrer fest, daß wir „wie die Mehlsäcke“ an der Stange hingen. Das war alles. Als Laufbahn diente ein Stück Feldweg, Weitsprung übten wir beim „Schlootjespringen“ in der Feldmark. Weitwurf und ein gelegentliches Fußballspiel geschahen in Bracklos Sommerpolder. Der Fußballplatz des Sportvereins lag weit vom Dorf entfernt zwischen Bahn und Kanal in der nordwestlichen Ecke an der Kreuzung Bahn – Tief. Das ist dort, wo heute der Übungsplatz des Schäferhunde-Vereins eingerichtet ist. Auch nach dem Schulneubau 1954 fehlten noch ein Sportplatz und eine Halle für eine planmäßige ganzjährige Leibeserziehung.

    1959 ergab sich die Möglichkeit, wenigstens den Sportplatz näher an das Dorf heranzubringen. Der Sportverein pachtete im östlichen Teil des Polders zwischen Petkum und Widdelswehr unmittelbar am Siel eine Fläche und richtete dort einen Sportplatz mit Umkleideräumen ein. Die Lage war idyllisch und dorfnah. Die Fläche war auf drei Seiten vom Deich umgeben. Damals wurde wohl scherzhaft im Gespräch festgestellt, wie leicht hier das Rund eines Stadions entstehen könnte: Die Deiche hätten nur mit Terrassen und Sitzmöglichkeiten ausgestattet und im Westen eine Tribüne gebaut werden müssen. Und das Rund des Stadions wäre komplett gewesen.

    In den siebziger Jahren kam der große Durchbruch: Es gelang, an der Blumenstraße zwischen der Straße „Zum Bind“ und der Bahnhofstraße eine große Fläche zur Einrichtung eines Sportzentrums auszuweisen und zu erwerben. Sie lag zwischen Petkum und Widdelswehr. Es war naheliegend, daß die geplante Anlage von beiden Dörfern aus genutzt werden sollte.

    Der erste Bauabschnitt wurde August 1977 begonnen. Ein Sportplatz wurde eingerichtet, und Umkleideräume wurden geschaffen. Abschluß Mai 1978. Weitere Umkleideräume und Geräteräume sowie die Turnhalle waren im Plan des zweiten Bauabschnittes enthalten, zu dem im September 1978 der erste Spatenstich getan wurde. Die Fertigstellung verzögerte sich durch den Konkurs zweier beteiligter Firmen. Jedoch konnte im Februar 1980 die Halle in einem Festakt ihrer Bestimmung übergeben werden. Das Gebäude hat eine Nutzfläche von 630 Quadratmetern, ruht auf 79 Holzrammpfählen von je 12 m Länge und hat rund 1,59 Millionen DM gekostet.

    1982 wurde das Sportheim gebaut, 1990 ein zweiter Sportplatz fertiggestellt. Damit war der Platz im Polder überflüssig geworden und wurde aufgegeben. Nun hatte sich die Lage für den Sport entscheidend verbessert. Der Petkumer Sportverein konnte seine verschiedenen Abteilungen und Gruppen auf- und ausbauen und ist sowohl durch seine sportlichen als auch seine geselligen Aktivitäten ein wichtiger Anreger für das Gemeinschaftsleben der Dorfbevölkerung geworden.

    Auch in den Bereich des Sportlebens gehört die Einrichtung einer Schöfelwiese im Jahre 1990.

    Die folgende Schilderung wird bei manchen alten Petkumern eine Fülle von Erinnerungen wecken:

    Früher, als binnendeichs noch nicht so stark wie heute entwässert wurde, stand in vielen Wintern der Streifen Land, der sich zwischen Petkum und Petkumer Münte und dort zwischen Landstraße und Schlafdeich erstreckte, häufig unter Wasser. Die Oberfläche dieser Ländereien lag niedrig, war „leeg Land“. Sie war offensichtlich beim Bau des Deiches abgegraben worden. Außerdem erinnerte auch eine Reihe von Dobben, auf alten Karten Spittdobben genannt, an diese Arbeit, die in vergangenen Jahrhunderten den Schutz des Landes erhöht hatte. Im Sommer bildete dieser Landstrich ein Paradies für Wasservögel, Wassertiere und Wasserpflanzen.

    Wenn im Winter der Frost noch nicht so stark war, daß sich eine tragfähige Eisschicht auf dem Tief und dem Kanal gebildet hatte, dann trug das Eis in diesem überfluteten Bereich doch schon. Und wenn einmal jemand einbrach, holte er sich in der Regel höchstens nasse Füße und Beine. Wir nannten diese Eisfläche damals „Flackjes“. Sie bot keine durchgehende breite Eisbahn. Manche Bereiche waren mit Schilf oder „Puskes“ (Rohrkolben) bewachsen. Hier ragte eine Grabenkante mit „Schlooteer“ aus dem Eis, dort hemmte ein „Penndamm“ das Gleiten. Aber im Grunde war diese Eisfläche ohne tiefes gefährliches Wasser darunter schon so etwas wie eine Schöfelwiese.

    Diese „Flackjes“ gibt es heute nicht mehr. Die Dobben sind ausgefüllt. Das „leeg Land“ ist aufgehöht. Keine Eisfläche lädt dort mehr zum Schöfeln ein. Nur die Erinnerung an vergangene Winterfreuden, die schon bei nicht allzu strengem Frost möglich waren, ist geblieben. Von ihr ist dann wohl auch der Gedanke geweckt worden, solche „Flackjes“ künstlich anzulegen. Für sie wurde der Name „Schöfelwiese“ gefunden.

    Bei Petkum bot sich das große Dreieck östlich der Zufahrt zur Fähre zwischen dem alten und dem neuen Deich an. Diese Fläche liegt in unmittelbarer Nähe des Dorfes und ist ringsum von hohen „Wällen“, den Emsdeichen, eingefaßt. Vielleicht hätten diese Deiche sogar Schutz gegen den schneidenden Ostwind geboten. Aber die Deichacht befürchtete eine zu starke Vernässung und Schäden an der Grasnarbe. So mußte dieser Plan aufgegeben und nach einer anderen geeigneten Fläche gesucht werden, aus der ohne allzu großen Aufwand eine Schöfelwiese gemacht werden konnte.

    Seit vielen Jahrzehnten liegen zwischen dem Bahndamm und dem Ems-Seitenkanal die Schlicklager. Sie sind umwallt, weil früher in sie der Baggerschlick aus der Ems gepumpt wurde, um auszutrocknen und dann als Dünger verwandt zu werden. Der Gedanke lag nahe, auf eine solche umwallte Fläche zurückzugreifen und dort eine Schöfelwiese einzurichten. Ein großer Vorteil bestand darin, daß im Kanal kostenlos Wasser in mehr als ausreichender Menge vorhanden war und lediglich auf die Fläche gepumpt werden mußte.

    Mit dem Wasser- und Schiffahrtsamt Emden und mit dem Pächter wurde Einigkeit erzielt, ein Schlicklager gegenüber dem Petkumer Bootshafen westlich des Dorfes als Schöfelwiese zu benutzen. Die Feuerwehr übernahm es, jeweils vor Einsetzen des Frostes die Fläche unter Wasser zu setzen. Das geschah erstmals im Winter 1990/91. Da die alte Westerwegbrücke über den Kanal abgebrochen worden ist, müssen die Schlittschuhläufer einen etwas längeren Weg hinter sich bringen, bevor sie sich auf dem Eis vergnügen können. Wenn die Winterkälte ihr Regiment antritt, bietet sich diese Eisfläche nun auch bei milderem Frost als Lauffläche an. Zwar kann auf ihr kein Langlauf durchgeführt werden wie auf den Binnengewässern. Aber sowohl der Eisschnellauf als auch das behäbige „Schwajen“, sowohl der Paarlauf mit gekreuzt gefaßten Händen als auch die Kette, bei der die Schöfler Hand in Hand hintereinanderlaufen, sind möglich.

    Eine alte ostfriesische Erfahrung weiß, daß früher manche Liebschaft beim Paarlauf auf dem Eis begonnen hat und so das gemeinsame Schöfeln der Anfang einer menschlichen Begegnung war, die schließlich in eine Ehe einmündete. Auch wenn die heutige Schöfelwiese nicht jene lauschigen Ecken bietet, die auf den alten „Flackjes“ zwischen Schilf und Rohrkolben bei Bedarf zu finden und dem „Sich-näher-kommen“ ungemein förderlich waren, so dürfen wir nun doch hoffen, daß später Eltern ihren Kindern wieder erzählen werden: „Wo wir uns richtig kennengelernt haben, wollt ihr wissen? Natürlich beim Schöfeln!“

     

    1932 /  1972 Petkum wird ein Ortsteil von Emden 

     

    Die Eingemeindung Petkums nach Emden war vor Jahrzehnten schon einmal im Gespräch. Wie die Protokolle nachweisen, ist damals darüber sogar ernsthaft verhandelt worden. Aus den Dokumenten ergibt sich folgender Sachverhalt: Schon seit dem vergangenen Jahrhundert hatte Petkum zum Landkreis Emden gehört. Das blieb aber nicht so. Am 1. 10. 1932 wurde dieser alte Landkreis aufgelöst. Emden wurde kreisfreie Stadt, und Petkum kam zum Landkreis Leer.

    Aber es gab schon damals Bestrebungen, diese Entscheidung rückgängig zu machen und Petkum nach Emden einzugemeinden. Diese gingen von Emden aus. Das beweisen ganz klar die Unterlagen. Ein Schreiben der Stadt Emden vom 23. Sept. 1932 war an die Gemeinde Petkum gerichtet und gab den Anstoß zu Verhandlungen. In dem Brief wurde eine Eingemeindung Petkums nach Emden ins Gespräch gebracht und offensichtlich Verhandlungen darüber vorgeschlagen.

    Daraufhin wurde in Petkum aus der Gemeindevertretung eine Kommission gebildet, in die Bracklo, Weerda, Rötteken und der Gemeindevorsteher Harm Janssen delegiert wurden. Sie setzte sich mit dem Emder Bürgermeister in Verbindung. Am 29. Sept. 1932 fand ein Gespräch zwischen der Petkumer Kommission und dem Emder Bürgermeister statt. Die ausführliche Niederschrift darüber liegt mir vor.

    Der Bürgermeister wendet in seiner Argumentation „Zuckerbrot und Peitsche“ an. Zuerst berichtet er, daß zum 1. 10. der Landkreis Emden „verschwinden“ wird und daß am Gesprächstage aus Berlin die Nachricht gekommen sei, Petkum werde nach Leer und nicht nach Norden kommen. (Es ist also auch erwogen worden, Petkum dem Landkreis Norden zuzuschlagen.) Dann weist er mit Recht darauf hin, daß alle Beziehungen Petkums nach Emden und nicht nach Leer geknüpft sind. Als Begründung für die Eingemeindungsverhandlungen, die auch schon mit anderen stadtnahen Dörfern geführt wurden (Larrelt und Harsweg), gibt er an, daß Emden durch die Aufhebung des Landkreises eine starke wirtschaftliche Grundlage verlieren würde. Er stellt fest: „Es ist jetzt der günstigste Zeitpunkt, die Eingemeindung durchzuführen. Kommen wir jetzt nicht zu einem Ergebnis, müssen wir vielleicht 20 Jahre und noch länger warten. Daß die Eingemeindung in absehbarer Zeit kommen muß, steht fest.“ (Er hat recht gehabt. Nur hat es noch länger gedauert.) An anderer Stelle erklärt er: „Der Landrat des Kreises Leer sowie der Herr Regierungspräsident stehen den Eingemeindungsbestrebungen freundlich gegenüber.“

    Als Argument für die Eingemeindung heißt es: „Emden braucht die Verbindung mit der Landwirtschaft. Sie leben von uns und wir von Ihnen. Die Stadt Emden hat ihre Entwicklung noch vor sich.“ Harding weist darauf hin, daß über 50 Arbeiter aus Petkum in Emden beschäftigt sind und daß die Gemeinde dafür „einen erheblichen Teil unserer Lohnsummensteuer“ bekommt. Und nun eine versteckte Drohung: „Bei der großen Arbeitslosigkeit in Emden wäre es denkbar, daß man die auswärtigen Arbeitnehmer den einheimischen gegenüber zurücksetzen würde. Solche Bestrebungen sind nicht nur seitens der Arbeitnehmer – sondern auch in letzter Zeit seitens der Arbeit(er)geberseite im Gange. Eine solche Maßnahme würde sich für Sie sehr schwer auswirken .... ich weiß nicht, ob die Stadtverwaltung den Bestrebungen, die auswärtigen Arbeiter auszuschalten, länger Widerstand leistet.“

    Das war „die Peitsche“. Nun kommt „das Zuckerbrot“. „Bei einer Eingemeindung in den Stadtkreis Emden würden ihre Einwohner gleichberechtigt sein.“ Herr Harding weist noch auf weitere Vorteile hin, auf den kürzeren Weg des Kreistierarztes und des Kreisarztes und die kürzere Verbindung beim amtlichen Verkehr. Außerdem verspricht er, die Stadt würde dem Dorf dadurch entgegenkommen, daß bei der Grundvermögens- und der Gewerbesteuer die dort 1933 erhobenen Sätze bis 1943 nicht verändert werden sollen. Später im Gespräch weist er noch einmal darauf hin, wie wertvoll eine solche Garantie hinsichtlich der Steuer sei, und bestätigt, daß auch keine neuen Steuern unter anderem Namen eingeführt werden würden, auch nicht für Petkum der Schlachthofzwang und der Zwang zur Müllabfuhr und zur Kanalisation. Und er stellt fest: „Wir würden, falls sich die Gemeinden auf einen ablehnenden Standpunkt stellen sollten, die Angelegenheit trotzdem weiter verfolgen und alles versuchen, die Eingemeindung zu erreichen.“ Ein von der Realität her begründeter und aus Emder Sicht recht geschickter Verhandlungsbeitrag. Von den Anmerkungen der Petkumer Vertreter will ich nur einige Äußerungen des Gemeindevorstehers anführen: „Schulden hat unsere Gemeinde nicht, im Gegenteil, wir besitzen Kriegsanleihen im Wert von 10000 RM.“ (Die stammten noch aus dem 1. Weltkrieg und sind nie aufgewertet worden, waren also eigentlich wertlos.) Und: „Petkum habe zurzeit 20 Wohlfahrtserwerbslose.“ (Das war die letzte niedrigste Unterstützungsstufe.) Und ein Hinweis auf die merkwürdige Haltung von Behörden: „Gemeindevorsteher Janssen teilt mit, daß man vor kurzer Zeit noch einen Antrag gestellt habe, nach Leer zu kommen. Dieser Antrag sei jedoch von der Regierung abgelehnt worden.“ Jetzt war er von den Behörden aus vollzogen worden.

    Zum Schluß bittet der Bürgermeister, die Angelegenheit in der Gemeindevertretung oder, weitergehend, in einer Gemeindeversammlung zu besprechen und, um die Verhältnisse Petkums beurteilen zu können, einen Fragebogen auszufüllen.

    Diese Beratung im Gemeindeausschuß war einziger Tagesordnungspunkt einer öffentlichen Sitzung am 10. Okt. 1932, abends 7 1/2 Uhr in der Gaststätte Slis. (Dieses Datum habe ich der Protokollsammlung der Gemeinde Petkum aus jener Zeit entnommen. Das Sitzungsprotokoll ist vom Gemeindevorsteher H. Janssen unterschrieben.) Das Gesprächsprotokoll der Verhandlung mit Emden wurde vorgelesen und „in einer längeren Aussprache“ diskutiert. Die Sitzung wurde sogar unterbrochen, um die Meinung der anwesenden Zuhörer kennenzulernen. Aber sie war, so wie im Ausschuß, teils dafür und teils dagegen. Ergebnis war, daß beschlossen wurde, eine neue Sitzung einzuberufen und dazu den Bürgermeister Harding einzuladen. Aber auch diese Sitzung brachte, wenn sie stattgefunden hat, keine Änderung. Denn Petkum blieb weiterhin beim Landkreis Leer.

    Nun eine Merkwürdigkeit: Vor mir liegt ein Zeitungsausschnitt, der handschriftlich datiert ist: Ostfr. Tageszeitung vom 7. X. 1932 und die Überschrift trägt: „Emden will Petkum eingemeinden. Warum werden die Dorfbewohner nicht befragt?“ In diesem Artikel wird von einer Gemeinderatssitzung am Montag, dem 3. Okt., berichtet und der gesamte Ablauf so dargestellt, wie wir ihn im Protokollbuch für den 10. Okt. niedergeschrieben finden. Ergänzt wird der Bericht noch durch den Hinweis, daß ein Mitglied des Gemeindeausschusses den Antrag gestellt habe, eine Gemeindeversammlung einzuberufen. Der aber wurde abgelehnt mit der Begründung: „Doför sünt wi mans genug.“ (So die Schreibung.) Gefordert wurde in der Zeitung, bei einer derart wichtigen Entscheidung „des Dorfvolkes Stimme Rechnung zu tragen“. Gewarnt wurde vor einem Anschluß, „weil die Finanzverhältnisse der Stadt Emden bestimmt nicht rosig sind." Davon hatte Herr Harding allerdings nichts gesagt.

    Wer hat nun den Datierungsfehler begangen. Da die Zeitung in ihrer Berichterstattung sicherlich kein falsches Datum gebracht hat (3. X.) und der Artikel handschriftlich als 7. X. erschienen datiert ist, beide Daten aber vor dem offiziellen Protokolldatum liegen, bleibt nur die Vermutung, daß der Vorsteher das Protokoll nicht gleich nach der Sitzung geschrieben und sich beim Blick auf den Kalender um eine Woche versehen hat. Beide Daten lagen nämlich auf einem Montag. Nur lag eine Woche zwischen ihnen.

    Zurück zur Eingemeindung. Nach dem Scheitern mußte nicht nur 20 Jahre gewartet werden, wie Herr Harding es vorausgesagt hatte, sondern die doppelte Zeit. Erst Anfang der siebziger Jahre gewann das Thema im Rahmen von umfassenden Reformen neue Aktualität. Als ein Ergebnis der Gebiets- und Verwaltungsreform im Bundesland Niedersachsen wurde 1972, wieder nach eingehenden Verhandlungen, zwischen Emden und Petkum der „Gebietsänderungsvertrag“ geschlossen, in dessen Paragraph 1 der 1. und 2. Punkt lauten: „Die Gemeinde Petkum wird in die Stadt Emden eingegliedert. Das Gebiet der Gemeinde Petkum bildet künftig einen Ortsteil der Stadt Emden“, die sich verpflichtet, „das eingegliederte Gebiet nach Kräften zu fördern.“ 20 Paragraphen umfaßt der Vertrag, die hier in ihrem Inhalt nicht alle aufgeführt werden sollen. 7 Stimmen wurden bei der Abstimmung in der Gemeindevertretung für ihn abgegeben, 1 gegen ihn.

    Mit diesem Vertrag hat Petkum seine mehr als tausendjährige politische Unabhängigkeit aufgegeben. Sein Gebiet wird von nun an als „Stadt Emden, Ortsteil Petkum“ bezeichnet. Diesem Ortsteil wurde bis 1996 ein Ortsbürgermeister und ein Ortsrat zugestanden. Dann wurden beide Institutionen aufgelöst. Von nun an ist Petkum nur noch im Emder Rat vertreten, wenn Bewerber aus dem Ort es schaffen, über Parteilisten, die für ganz Emden gelten, in diese Institution gewählt zu werden.

    Auch postalisch ist Petkum wie alle Orte eine Nummer geworden. Erst hieß es: 2970 Emden 21. Seit Einführung der neuen Postleitzahlen erreichen Sendungen unter der Nummer 26725 den Ort. Heimatbewußte Dorfbewohner, die wollen, daß bei allem behördlichen Verkürzungsdrang der Name Petkum erhalten bleibt, schicken ab oder empfangen ihre Sendungen unter der Bezeichnung 26725 Emden-Petkum und bewahren so einen Ortsnamen vor dem Verschwinden, den es seit mehr als 1000 Jahren in mannigfachen Varianten gegeben hat.

    Seit längerer Zeit mußte auch die Petkumer Poststelle um ihre Existenz bangen. Ihre Dienste wurden nach dem modernen Gesichtspunkt, daß sich alles finanziell lohnen muß, zu wenig in Anspruch genommen. Nun ist sie 1997 aufgelöst worden. Wenn sich im Dorf kein Ladeninhaber finden wird, der nebenbei Briefmarken verkaufen und Pakete annehmen will, soll ein „mobiler Postdienst“ die Dorfbewohner betreuen. Viele Jahrzehnte hat Petkum seine „Post“ gehabt. Sie gehörte für die alten Dorfbewohner jedenfalls einfach zum Dorfleben dazu. Nun ist sie wegrationalisiert. Solche verschlechternde Veränderung den Menschen als Fortschritt darstellen zu wollen, wird unmöglich sein, auch wenn die Werbung das versuchen wird. Bei solchen Veränderungen sind die Dorfbewohner auf eine gesunde Weise konservativ und möchten das, was sich in

     

    langen Zeiträumen bewährt hat, erhalten wissen. Es muß sich nicht alles finanziell lohnen, was zum Dorfleben dazugehört.

    Trotz der Eingemeindung nach Emden, die mancherlei Vorteile, aber auch Nachteile gebracht hat, trotz der als Fortschritt angepriesenen Verschlechterungen des Alltagslebens fühlen sich die Petkumer Einwohner, besonders die älteren, nach wie vor als
     

    „ P e t j e m e r s “.

     

    Das wird auch wohl vorerst so bleiben.

     

    Die Bürgermeister der Gemeinde (Ortschaft Petkum)

     

     

            • 1919   - 5. 04. 1933 H. Janssen Gemeindevorsteher 
              J. wurde am 5. 4. 1933 mit 4 zu 4 Stimmen nicht wiedergewählt. Die Würfel entschieden für Br. Brungers.
            • 5. 4. 1933 - 14. 11. 1933 Br.Brungers Gemeindevorsteher 
              B. war Sturmbannführer. Wegen Arbeitsüberlastung zurückgetreten.
            • 14. 11. 1933 - 11. 2. 1937 D. Donker (Gemeindevorsteher,
              Gemeindeschulze, Bürgermeister) 
              Ortsgruppenleiter der NSDAP
            • 11. 2. 1937 - 2. 12. 1952 M. Hamer Bürgermeister 
              (seit 16.  10. 1934 Gemeinderat)
            • 2. 12. 1952 - 12. 9. 1969 J. Achtermann Bürgermeister 
              Mit 4 FDP- und 2 SPD-Stimmen zum Bürgermeister gewählt.
            • 12. 9. 1969 - 26. 11. 1969 D. Schoneboom Bürgermeister 
            • 26. 11. 1969 - 20. 11. 1972 T. W. Hülsebus Bürgermeister 
              Mit 7 zu 2 Stimmen gewählt.
              Ab 1.  7.  1972 Ortsbürgermeister 
            • 20. 11. 1972 - 5. 11. 1976 H. Schoon Ortsbürgermeister 
              Mit 6 zu 5 Stimmen gewählt.
            • 5. 11. 1976 -   1996 T. W. Hülsebus Ortsbürgermeister 
              Mit 6 zu 5 Stimmen gewählt.
      • 1972 Zwischen Emden und Petkum wird der „Gebietsänderungsvertrag“ geschlossen. Petkum wird ein Ortsteil der Stadt Emden. Dem Ortsteil wird ein Ortsrat und ein Ortsbürgermeister zugestanden. Diese Institutionen bestehen bis 1996 und werden dann aufgelöst.

    Noch bekannte Gemeindediener

     

    1922 -  1928 (oder früher) war Jakobs Gemeindediener. Da er einen leichten Gehfehler hatte, hatte er den Spitznamen „Hackjebaas“ bekommen.

    Seine Nachfolger waren Hermann Müller mit seiner Ehefrau Reina. Sie war eine gute Ausruferin und immer zu einem „Prootje“ bereit.

    Der letzte Gemeindediener war Tempel.

     

    Die Gemeindediener wohnten in der Regel im Gasthaus, dem ehemaligen Armenhaus. Zu ihren Aufgaben gehörte es, mit der Handglocke durch das Dorf zu gehen und an bestimmten Stellen öffentliche Bekanntmachungen auszurufen. Wurden sie für den Ausruf privater Ankündigungen in Anspruch genommen, bekamen sie dafür eine festgesetzte Extra-Bezahlung.

     

     

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